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Plastic Planet oder: Was wir von Ruanda lernen können

Plastic Planet oder: Was wir von Ruanda lernen können


Vor einigen Tagen war wieder einmal einer dieser Momente, in denen ich mir dachte: “Zum Glück ändert sich endlich etwas!” Ich stand in einem Schuhgeschäft, eine Freundin neben mir an der Kasse und während sie bezahlte, sah ich den Hinweis auf dem Verkaufsthresen: Letztes Jahr wurden in Deutschland über 6 Millarden Plastiktüten verbraucht, man solle doch wenn möglich darauf verzichten. Der Umwelt zuliebe.

Das Plastikproblem ist eines der größten weltweiten Umweltprobleme unserer Zeit- so richtig bewusst ist das uns in Deutschland jedoch nicht. Wir entsorgen unseren Plastikmüll im Gelben Sack und glauben dabei so sehr an unser deutsches Recyclingsystem, dass wir in dem Moment, in dem eine leere Schokoladenverpackung darin verschwindet, auch irgendwie glauben, dass damit alles gut wird. Tatsächlich wissen die wenigsten was dann tatsächlich mit dem Müll passiert- es gilt die Devise: Aus den Augen, aus dem Sinn. Es wird ja recycelt. Über mehr muss man sich keine Gedanken machen. Doch nur weil es nicht wieder in der deutschen Landschaft auftaucht, heißt es nicht, dass es nicht da ist.

Dass Plastik ein riesiges und – vor allem- globales Problem darstellt, wurde mir auch erst beim Reisen bewusst. Als ich durch die ägyptische Wüste fuhr, türmten sich an beiden Seiten der Landstraße riesige Müllberge, einfach abgeladen im Hinterland; In Griechenland war es unglaublich heiß und ich leerte literweise Plastikflaschen, die sich in meinem Zimmer über eine Woche hinweg stapelten- es gab und gibt kein Mehrwegsystem; Beim Tauchen in diversen Ecken dieser Welt fand ich immer wieder Plastikfetzen, die sich im Korallen verfangen hatten oder gespenstisch durchs Wasser trieben- ich nahm sie meistens mit, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass sie danach wieder im Meer landen würden groß war. Und mit einem wachsenden Bewusstsein für die Tatsache, dass es zu viel Plastik auf dieser Welt gibt und unachtsam damit umgegangen wird, wurde mir auch nach und nach klar, wie viel unnötigen Kunststoffmüll wir in Deutschland produzieren.

Ist eine Welt ohne Plastikmüll Möglich?

Bei dieser Frage scheiden sich die Geister. Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, so viel ist klar. Alle Produktions- und Instustriezweige haben sich den Entwicklungen in der Kunststoff-  und Verpackungsindustrie angepasst, Plastik ist günstig, leicht und simpel in der Herstellung. Und ist man gegen Plastik aus Umweltgesichtspunkten stößt man immer wieder an seine eigenen Grenzen: Soll ich den Joghurt jetzt in einem Glas- oder Plastikbecher kaufen? Man möchte keinen Plastikmüll produzieren, aber die Fahrt der Glasflaschen hat x-mal mehr Benzin benötigt, weil Glas viel schwerer ist. Soll man lieber die konventiellen Tomaten ohne Plastik oder die Bio-Tomaten in Kunststoffverpackung kaufen?

Einmal habe ich mich mit einem Student der Verpackungswissenschaften unterhalten und er meinte, dass viele Produkte nicht so lange haltbar wären, wenn sie nicht in speziellen Schutzfolien gelagert oder transpotiert werden oder dass Milch in weißen Glasflaschen ihre Vitamine verliert. Führt das dann dazu, dass wir Lebensmittel verkommen lassen müssten, wenn wir auf Plastik verzichten möchten? Die noch viel größere Frage ist aber, ob wir überhaupt Abstand davon gewinnen können, wenn Plastik in allen Bereichen so allgegenwärtig ist und wie sinnvoll sind die Alternativen, die wir haben?

Es gibt jedoch einem Punkt, in dem sich aber die meisten einig sind: Plastiktüten sind von all dem Müll, den wir produzieren, der unnötigste und am leichtesten zu vermeidende. Aus diesem Grund haben einige Staaten, die aus unserer europäischen Sicht abwertend als “Entwicklungsländer” bezeichnet werden, schon vor Jahren Maßnahmen gegen das Plastikproblem getroffen, die unserem aktuellen Stand in Europa und auch explizit in Deutschland zehn Schritte voraus sind: Es wurden teilweise oder totale Plastiktütenverbote durchgesetzt. Das erste Land, von dem ich erfuhr, dass es ein Gesetz gegen Plastiktüten hat, ist Ruanda. Persönlich war ich leider noch nicht in dem Land, Freunde und Bekannte von mir, die dort jedoch gereist sind oder eine Zeit lang gelebt haben, erzählten mir von der konsequenten Durchsetzung des Gesetzes. So mussten sie alle Plastiktüten bei der Einreise abgeben, im Land selbst bekam man durchweg bei allen Einkäufen, o.Ä. Papiertüten. Ähnliche Reaktionen auf die zunehmende Umweltverschmutzung zeigten seit dem Jahrtausendwechsel Bangladesch, Papua-Neuguinea oder Buthan und erließen komplette Verbote. Die aktuellste Gesetz gegen Plastiktüten wurde Anfang 2013 in Mauretanien durchgesetzt, nachdem in bei 80% der geschlachteten Rinder Plastikmüll im Magen gefunden wurde.¹

Diese Länder zeigen, dass vielleicht kein Leben komplett ohne Plastik, aber zumindest eine drastische Reduzierung möglich ist. Kunststofftüten zu verbieten ist zweifellos ein gut umsetzbarer Schritt in die richtige Richtung!

Wo steht Europa Bei der Debatte?

Politiker_innen ringen seit Jahren mit dem Thema, die Debatte verläuft jedoch schleppend. Immerhin erlaubte die EU Anfang 2015 die Besteuerung und das nationale Verbot von Plastiktüten.² In einigen Ländern wie z.B. Irland hat vor allem die Besteuerung der Tüten zu einem erheblichen Rückgang des Verbrauchs geführt, in Deutschland fehlen bisher konkrete Regelungen. Vor drei Monaten, zum 1. April 2016 hin, sollte endlich eine Einigung erzielt werden: Plastiktüten sollten in Läden gar nicht mehr vorhanden sein, oder wenn, dann nur kostenpflichtig. Auch dieser Versuch den Plastiktütenverbrauch einzudämmen scheiterte.

Die Politik kann sich seit Jahren nicht einigen und trotzdem habe ich zunehmend das Gefühl, dass das Bewusstsein für das Problem wächst. Viele Supermärkte vergeben keine kostenlosen Plastiktüten mehr, bieten Papier- oder Stofftüten als Alternative, andere wie z.B. DM haben Tüten ganz abgeschafft. Auch als Konsumentin werde ich mittlerweile nicht mehr komisch angeschaut, wenn ich den Aufkleber mit dem Barcode direkt auf die Paprika klebe, anstatt sie zuerst in eine Plastiktüte zu stecken. Und dann tauchen nach und nach Hinweisschilder auf, wie oben in dem Laden beschrieben. Wenn die Politik schon nichts ändert, dann wir als Konsumenten.

Was wir tun können

Wir sollten versuchen Plastikmüll wenn möglich zu vermeiden. Der komplette Verzicht auf Plastiktüten beim Einkaufen ist dabei wirklich der einfachste Schritt, den man gehen kann, ohne sich groß umstellen oder einschränken zu müssen. Gar keinen Plastikmüll zu produzieren ist jedoch leider fast unmöglich, eine Reduzierung ist dagegen gut umsetzbar.

Bereits angesprochen habe ich den Verzicht auf Tüten beim Einkauf von Obst und Gemüse. Leider ist in vielen Supermärkten die frische Ware bereits verpackt. Eine gute Alternative bieten an dieser Stelle Märkte, nach denen man sich zeitlich richten muss, aber die ihre Ware meistens lose anbieten. Darüberhinaus sind zwar die meisten Produkte in Supermärkten in Plastik verpackt, man findet meistens jedoch ein, zwei alternative Hersteller, die die Lebensmittel in Karton (z.B. bei Reis oder Nudeln) oder in Glas (z.B. Milch, Tomatensoße, etc.) verkaufen. Und natürlich ist es hilfreich beim Einkaufen entweder eine große Tasche oder einen zusätzliche Stoffbeutel bei sich zu tragen- denn das ist die einfachste Art Plastikmüll zu reduzieren.

Konsequent darauf zu achten, nimmt vorweg, sich ein Bewusstsein für das Problem geschaffen zu haben. (Aus diesem Grund habe ich auch diesen Beitrag geschrieben ;-).) In Deutschland werden wir mit dem Müll den wir produzieren nicht direkt konfrontiert, es gibt jedoch genug Artikel und Dokumentationen zu den globalen Auswirkungen. Einer der wohl bekanntesten Filme ist “Plastic Planet” und eines der größten geplanten Säuberungsaktionen in den nächsten Jahren ist The Ocean Cleanup.

 

Wie stehst du zu dem Plastikproblematik?

Warst du schon einmal in einem Land, das extrem viel Kunststoffmüll produziert, oder noch besser: In einem der Länder mit Plastiktütenverbot?

Ich hoffe, ich konnte ein bisschen zum Nachdenken anregen! 🙂

 


  1. http://www.stern.de/politik/ausland/umweltpolitische-fuehrungsrolle-eines-entwicklungslandes-mauretanien-verbietet-plastiktueten-3892748.html
  2. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/eu-laender-duerfen-plastiktueten-besteuern-und-verbieten-13459362.html

 



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6 People Replies to “Plastic Planet oder: Was wir von Ruanda lernen können”

  1. Hey Chrissy,
    dein Artikel ist perfekt geworden! Ich sitze gerade auch an meinem Beitrag zum Eco Tourism und hab dir ja schon erzählt, dass ich die Plastikgeschichte dann auch einbauen möchte 😉
    Ich finde es mega, dass z.B. dm, wo man wirklich sinnlos diese Plastiktüten an der Kasse mitgenommen hat, das einfach eingestellt hat. Und beim Shoppen neulich war es so, dass man nur auf Nachfrage noch Tüten bekam. Immerhin! Ich glaube und hoffe, dass es so langsam ins Bewusstsein der Konsumenten dringt! 🙂
    Liebe Grüße, Jean
    http://jean-abovetheclouds.com

    1. Haha, vielen Dank! 😉
      Ja, ich habe echt das Gefühl, dass in Deutschland (wenn auch gesetzlich nicht verbindlich) endlich ein Wandel eintritt- auf der Seite der Ketten sowie Konsumenten_innen. Ich bin gespannt, was sich in den nächsten Jahren noch ändern wird.
      Liebe Grüße!
      P.S.: Ich weiß, auf den Beitrag bin ich auch schon gespannt 😉

  2. Jetzt kommt ja bei uns wenigstens als erster Schritt die Gebührenpflicht für Plastiktüten. Mal sehen, ob es ein klein wenig nutzt. Ein striktes Plastikverbot gibt es übrigens in Eritrea, wie ich bei meiner Reise im Jahre 2005 feststellen konnte. Es ist interessant, dass Verbote in den Ländern vorangetrieben werden, in welchen die Umweltverschmutzung durch Plastik im Gegensatz zu uns nicht subtil, sondern ganz augenscheinlich wahrgenommen wird – und in autoritären Staaten wie Ruanda oder in menschenverachtenden Diktaturen wie Eritrea.

    1. Hallo Wolfgang!
      Interessant, ich wusste gar nicht das Eritrea auch ein Verbot durchgesetzt wurde. Aber insgesamt ist die Liste der Länder die Verbote oder zumindest Teilverbote eingeführt haben auch länger als man denkt.
      Den Aspekt mit der Plastikpräsenz fand ich auch spannend. Ich vermute, dass einige Länder fast schon dazu gezwungen wurden, den Müll einzudämmen, da die Verschmutzung kaum noch in den Griff zu bekommen war und weitreichende Auswirkungen hatte. (z.B. Mauretanien mit Plastik in den Rindermägen o.Ä.) Wir müssen uns aber klar werden: Nur weil wir den Müll in Deutschland nicht sehen, bedeutet das nicht, dass er nicht da ist und ein Problem darstellt. Ich bin gespannt was in den nächsten Jahren passen wird.
      Liebe Grüße

  3. Ich versuche auch meistens einen Stoffbeutel zum Einkaufen mitzunehmen – gelingt aber beim spontanen Gang in den Supermarkt auch nicht immer. Wenn die Plastiktüte Geld kostet und nicht umsonst ist, überlege ich mir dann schon, ob ich meine Sachen auf den Armen nach Hause balanciere oder doch eine Tüte kaufe…

    Ich bin immer noch beeindruckt von dem Plastiktütenverbot in Ruanda, das dort ja schon seit vielen Jahren gilt. Allerdings habe ich (als ich vor 5 Jahren da war) Plastiktüten “eingeschmuggelt” und so kleine Plastiktütchen wie bei uns im Supermarkt für Gemüse gibts auch immer noch. Aber du hast schon recht, Reduzierung des Plastikmülls ist schonmal viel wert.

    1. Hallo Sven,
      bei dir zeigt sich sehr schön, dass der Verkauf von Tüten auf jeden Fall Wirkung zeigt und man sich tendenziell eher dagegen entscheidet, wenn es möglich ist. 😉

      Das Gesetz in Ruanda ist auf jeden Fall super beeindruckend! Und selbst wenn noch ein paar Tüten im Umlauf sind, ist es schon eine erhebliche Verbesserung… Interessant, dass nach deinen Erfahrungen der Umgang mit den Tüten eher lapidar war, habe gehört, dass das Gesetz schon strikt umgesetzt wird. Aber alle machen natürlich auch andere Erfahrungen. 😉
      Liebe Grüße!