shop-cart

Now Reading: “Afrika”-Bilder in meinem Kopf, Bilder vor meinen Augen

“Afrika”-Bilder in meinem Kopf, Bilder vor meinen Augen

“Meine Schwester wurde in Kapstadt vom Auto angefahren.”

“Ach, da gibt es Autos?”


Bei diesem Zitat handelt es sich nur um eines von unzählbar vielen Aussagen zum afrikanischen Kontinent, die mich stocken ließen, geschockt über das Weltbild, das manche Menschen in Europa haben, geschockt darüber, was viele über Afrika denken und ohne den geringsten Zweifel aussprechen. Das obrige Zitat stammt von einem Kumpel meiner Schwester, er war noch nie in Südafrika, also woher nahm der dieses Bild, dieses scheinbare und vor allem degradierende “Wissen”?

Weltbilder-Medienbilder

Ohne jemals auf dem afrikanischen Kontient gewesen zu sein, haben wir in der westlichen Welt bestimmte Vorstellungen davon. Natürlich variieren die Ideen in ihrer Stärke von Person zu Person. Es gibt jedoch einige Bilder, die sich (mit leichten Abweichungen natürlich) wie ein roter Faden durch die Gedankenwelt des Westens ziehen: Eine riesige, feuerrote Sonne, Savanne mit Schirmakazien, wilde Tiere, nur mit Lendenschürze bekleidete, “ursprüngliche” Menschen in Dörfern. Natur. Wildnis. Keine “Zivilisation” oder Infrastruktur. Kriege. Krankheiten. Armut. Passivität. Und natürlich sind die Menschen trotz dieser furchtbaren Lebensumstände immer fröhlich. Das westliche Afrikabild schwankt zwischen Bedrohung und Sehnsucht, zwischen Inspiration und Stagnation. Wie häufig hört oder liest man Sätze wie: “Afrika hat mich sofort fasziniert.”, “Es ist schon immer ein Kindheitstraum von mir nach Afrika zu reisen/Elefanten zu sehen/zu helfen.” (Sehnsucht) oder “War es bei dir sehr gefährlich?” (Bedrohung).

Diese Bilder wird man teilweise oder möglicherweise auch komplett bei sich selbst wieder finden können, sowie in der Art und Weise wie andere darüber berichten. Wenn westlich geprägte Menschen über den afrikanischen Kontient berichten, scheinen die oben genannten Vorstellungen übermächtig: Durch sie reisen wir mit einem vorgefertigten Blick dorthin und nur durch unsere reproduzierenden Bilder und Erzählungen könnnen diese Vorstellungen wiederum aufrecht erhalten werden. Wir sollten uns immer kritisch hinterfragen: Habe ich neben den oben genannten Wahrnehmungsfeldern (die es natürlich auch gibt, kein Klischee fällt komplett vom Himmel), auch anderes gesehen und war offen dafür? Zeige ich gerade ein Bild von Afrika oder konstruiere ich nur eins?

Die Problematik des westlichen Afrikabildes

Nun mögen sich manche fragen, warum es so relevant sei, sich mit der stereotypisierten Darstellung Afrikas auseinanderzusetzen. Die Antwort ist – abgesehen davon, dass die Bedienung von Stereotypen in der Regel nicht positiv zu bewerten ist – alles andere als einfach. Man kann allerdings durchweg beobachten, dass durch die westliche Darstellung des afrikanischen Kontients grundsätzlich ein hierachisch untergeordnetes Bild konstruiert wird. Der Westen ist “entwickelt” – Afrika nicht. Der Westen ist rational – Afrika ist “emotional und triebhaft.” Der Westen in modern – Afrika ist traditionell, “ursprünglich und naturverbunden.”

Man könnte diese Liste ewig weiterführen, es zeigt sich immer wieder, dass sich die westliche Welt mit ihrem Afrikabild ein Gegenstück konstruiert, um sich selbst zu definieren. Und dieses Bild wird vehement aufrecht erhalten, denn es  erstellt ein schwaches Afrikabild und stärkt die westliche Vormachtstellung in der Welt. Aus diesem Grund werden kaum moderne Großstädte gezeigt, fast keine erfolgreichen Geschäftsmodelle werden vorgestellt, von lokal initiierten Sozialprojekten weiß man in Europa fast nichts und afrikanische Autor_innen oder Designer_innen scheinen unbedeutend für die westliche Welt. Stattdessen wird von Safaris und den Besuchen in “ursprünglichen” Dörfern berichtet. Kleine ethnische Gruppen, die mit meist nur ein paar tausend Vertretern nicht mal 0,1% der Gesamtbevölkerung ausmachen, werden repräsentativ, als einzige Vertreter eines Landes dargestellt. Rational betrachtet ist das unsinnig, aber sie sind so “naturverbunden”, so “faszinierend”, so “exotisch” und passen damit so sehr in das europäische Afrikabild, dass die anderen 99,9% der Bevölkerung in ihrer Lebensweise fast vollständig ausgeblendet werden. Im Westen wird eben nur gezeigt, was auch gesehen werden will.

Unsere Verantwortung als Blogger_innen

Ich gebe ganz offen zu, dass ich meinen Blog aus einem Gefühl der Unzufriedenheit heraus gegründet habe. Nach meiner Rückkehr aus Äthiopien, habe ich mich immer mehr daran gestört, wie der afrikanische Kontinent bzw. explizit Äthiopien in den Medien dargestellt wurde. Nach meinem Auslandsaufenthalt hatte auf einmal einen ganz anderen Blickwinkel auf die Informationen und die Darstellungen, die mich erreichten, als ich wieder zurück in Deutschland war. Die oben angesprochenen Punkte holten mich bei Gesprächen immer wieder ein und ließen keinen Platz für andere oder entkräftende Argumente – dafür sitzen die Bilder zu hartnäckig in den Köpfen der westlich geprägten Menschen. Nach meiner Rückkehr wurde ich zum Beispiel immer wieder zu meinem “Dorf” gefragt. Ich korrigierte immer wieder, dass ich in einer Stadt gewohnt habe. Sehr viele waren irritiert. Beim nächsten Mal fragten einige wieder nach meinem “Dorf”.

Als Blogger_innen, aber auch als Facebook/Instagram/etc. Nutzer_innen, treten wir mit Worten und Bildern an die Öffentlichkeit und tragen damit eine Teilverantwortung für das Bild, das die Leser_innen von anderen Kulturen, Ländern und Menschen haben. Jede_r  kann dabei eine bewusste Entscheidung treffen: Kümmert man sich nicht darum Stereotypen zu reproduzieren oder versucht man sie zu dekonstruieren? Ich versuche in jedem Beitrag mich für Zweiteres zu entscheiden. Es handelt sich dabei um eine Frage des Respekts. Inwieweit das als westlich geprägter Mensch allerdings überhaupt möglich ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Versuchen sollte man es aber auf jeden Fall.

Was tun?

Sensibilisert wurde ich für den Einfluss von Bildern und Sprache auch erst durch meinen Auslandsaufenthalt und die damit verknüpften Seminare. Die Prägungen sind präsent, aber von den wenigsten kritisch reflektiert. Viele Artikel, Facebookposts oder Reportagen, die ich gelesen oder gesehen habe, quellen über mit den oben angesprochenen, degradierenden Bildern – ohne, dass bewusst eine böse Absicht dahinter steckt. Deswegen ist der erste – und auch schwierigste Schritt – sich selbst dem bewusst zu werden und die eigene Sicht- und Darstellungsweise kritisch zu betrachten. Benutze ich möglicherweise problematische Begriffe? Reduziere ich Menschen auf die oben genannten Stereotype und nehme ich ihnen dabei ein Stück ihrer Würde? Was habe ich auf meiner Reise gesehen und was transpotiere ich dann tatsächlich nach Europa? Will ich ein Land in seinen Facetten kennen lernen oder sehe ich mir nur an, was in mein Bild passt? Will ich (post-)koloniale Strukturen und Vorstellungen aufrecht erhalten? Zeige ich nur Bilder von wilden Tieren und bettelnden Kindern oder auch von schicken Restaurants und reichen Wohngegenden?

Während meines Südafrikaaufenthaltes habe ich auch viel mit Locals über die Thematik der Afrikabilder gesprochen. Sie kannten alle Stereotype, denn sie wurden damit konfrontiert. Ihnen waren die Erwartung der Europäer, die nach Südafrika kamen, bewusst. Und sie ärgerten sich darüber. Denn all das stimmte nur bruchstückchenhaft mit dem überein, was sie in ihrem Land sehen.

Wenn ich mit Locals sprach oder im Nachhinein an sie oder die Situation vor Ort denke, schäme ich mich. Ich schäme mich dafür, dass Vorstellungen, wie die im Eingangszitat beschrieben, im Jahr 2016 noch präsent sind. Es ist traurig. Es ist diskriminierend. Aber es kommt nicht von irgendwo.


Die Komplexität, die hinter der Thematik steht, wurde in diesem Beitrag nur angeschnitten und kann unmöglich in einem schlichten Blogartikel zur Genüge erklärt und erläutert werden. Wer sich für das Thema interessiert bzw. vertiefend Texte dazu lesen möchte, sei auf meinen nächsten Beitrag verwiesen, in dem ich Literatur zu dem Thema vorstellen werde.

Bemerkung:  Alle Begriffe im Text, die ich als problematisch einstufe, habe ich (neben den Zitaten natürlich) in Anführungszeichen gesetzt.

Titelbild: Ausschnitt aus Addis, Äthiopiens Hauptstadt, 3-4 Mio. Einwohner, auf 2400 m im äthiopischen Hochland gelegen, Hauptsitz der Afrikanischen Union. Aufgenommen vom Bole International Airport aus.


Wie immer freue ich mich natürlich über eure Gedanken und möglicherweise persönlichen Erfahrungen zu dem Thema. 



Bookmark this article

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

12 People Replies to ““Afrika”-Bilder in meinem Kopf, Bilder vor meinen Augen”

  1. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wenn von DEM Afrika gesprochen wird. Als ich nach einem halben Jahr aus dem südlichen Afrika heimgekommen bin, musste ich mich Fragen stellen, die in etwa so lautetet: “Wie ist es in Afrika?” – na, wie ist es denn in Europa? Ich war “nur” in 4 Ländern in Afrika, wie soll ich denn dann beschreiben können, wie es in Afrika ist?
    Sehr guter Artikel.

    1. Hallo Sabina,
      vielen Dank! Ja, ich kenne diese Fragen und selbst nach Jahren finde ich es immer noch schwer damit umzugehen. Erschreckend ist auch, dass teilweise Leute, die schon in mehreren afrikanischen Ländern unterwegs waren, trotzdem diese Denkmuster bedienen. Ich kann nur hoffen, dass sich das irgendwann ändern wird.
      Liebe Grüße

  2. Ich habe deinen Artikel heute über unsere Facebook-Seite #BloggerGegenRassismus geteilt. Leider habe ich keine Facebook-Seite deines Blogs finden können und konnte dich deshalb nicht markieren 🙂

    Liebe Grüße,
    Ilona

  3. Es gibt eine FB Gruppe die heisst: Yes, I live in South Africa and no, I don’t own a pet lion! 😉 Sagt eigentlich alles.
    Und es faengt schon damit an dass soviele ueber Afrika sprechen als ob es ein Land waere. Oh ich moechte so gerne mal nach Afrika! – Wohin denn in Afrika? – Oh egal, Afrika halt.

    Danke fuer diesen Post!

    1. Haha, ja ich kenne den Spruch, war sozusagen ein “Klassiker” unter den Südafrikaner_innen, die ich in Kapstadt kennen gelernt hatte. Und stimmt, die Ein-Land- Vorstellung zieht sich auch wie ein roter Faden durch viele Vorstellungen, Berichte und Aussagen. Danke für diese Ergänzung! 🙂
      Liebe Grüße!

  4. Hallo Chrissy,
    ein wirklich toller und tiefgründiger Beitrag. Deshalb würde ich ihn gerne in meine Rubrik lesenswert aufnehmen. Worum es da genau geht kannst du hier nachlesen. http://dasfliegendeklassenzimmer.org/lesenswert/ Wenn du einverstanden bist würde ich das Beitragsbild gerne von deinem Blog übernehmen. Gib mir doch bitte kurz Bescheid, ob du einverstaanden bist

    1. Hallo Anja,
      vielen Dank! Klar, du kannst den Beitrag sehr gerne vorstellen und verlinken, ich fühle mich geehrt. 🙂 Das Titelbild darfst du natürlich auch dafür verwenden. Finde ich auch insgesamt eine super Idee mit der lesenswert-Rubrik, bin schon gespannt, welche Beiträge du dort noch vorstellen wirst. 🙂
      Liebe Grüße!

  5. Toller Beitrag. Dem ist absolut nichts mehr hinzufügen. Es ist erschreckend, welches Bild manche Menschen von Afrika haben. Als gebe es dort keine Häuser, geschweige den Straßen oder, Gott bewahre, wohlmöglich sogar Internet.
    Aber genauso ertappe ich mich dabei, wie ich gewisse stereotypen im Kopf habe. Ich denke dagegen helfen nur Gespräche mit anderen und natürlich sowieso das reisen. Denn reisen, erweitert den Horizont um einiges!

    Liebe Grüße,
    Lynn

    1. Es ist allgemein erschreckend, mit welchen Bildern gerade Westler in andere, kulturell fremde Regionen reisen. Als ich einmal jemandem erzählte, der Iran reize mich als Reiseland, sagte der allen Ernstes: “Ich hoffe, du kannst mit einer Waffe umgehen”
      Bei der Rückkehr aus einem muslimischen Land wird man sofort gefragt: “Musstest du Kopftuch tragen” – Herrgott, NEIN. In den wenigsten muslimischen Ländern MUSS man Kopftuch tragen!
      Und sogar gegenüber “Osteuropa” (also dem ehemaligen Ostblock, selbst den Ländern, die nicht östlicher liegen als Österreich) haben viele Vorbehalte. Kommentar einer Kollegin aus Wien “Nach Osteuropa fahr ich nicht. Nach dem Neusiedler See ist für mich eine weiße Linie und danach kommen die Eisbären.”

      Da wundert es fast nicht mehr, welche Klischees über Afrika so kursieren.

      1. Das ist echt absolut erschreckend…

    2. Vielen Dank! 🙂 Ich glaube in diesem Zwiespalt finden sich viele wieder: Einerseits ist man schockiert über die Vorstellung anderer, gleichzeitig findet man bestimmte Muster bei sich selbst wieder. Ich gebe dir absolut Recht: Man muss viel darüber diskutieren, sich selbst kritisch reflektieren und nach und nach ein Bewusstsein dafür schaffen. Reisen unterstützt das natürlich. Nur dann kann man es schaffen ein differenziertes und würdiges Bild zu transpotieren. Ich wünsche mir wirklich häufig, dass die Thematik mehr Menschen erreicht, denn es ist so notwendig!
      Liebe Grüße
      Chrissy