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Der schweizer Jakobsweg Teil 1: Von Konstanz zum Sihlsee

In den nächsten vier Beiträgen möchte ich über unsere täglichen Erlebnisse auf dem Weg durch die Schweiz berichten. Ich freue mich, dass du dabei bist!

Tag 1: Konstanz – Tobel

Als mein Wecker kurz nach 5 Uhr klingelte, dämmerte es gerade. Mein Handy zeigte den 4. August an, den Tag, den meine Mitbewohnerin und ich ausgesucht hatten, um in den Jakobsweg einzusteigen und auf dieser Route einmal die Schweiz zu durchqueren. Wir standen auf, frühstücken, gepackt hatten wir fast alles am Tag davor. Kurz nach sechs verließen wir unsere WG. Die anderen schliefen noch, wir machten uns leise und mit einer ungewissen Erwartung auf den Weg. Das morgendliche Konstanz schlief noch, als wir die knappen 5 km von unserer Wohnung bis zum Konstanzer Münster liefen, an dem der Schweizer Jakobsweg beginnt.

Morgenstimmung am Seerhein

 

Von hier aus ging es nun richtig los. Das Ziel unserer ersten Tagesetappe sollte Tobel sein, eine kleine Ortschaft etwa 25 km hinter der Grenze. Bald hatten wir den Bodensee hinter uns gelassen und vor uns zog sich der Weg durch sanfte Hügel und Wälder, an Höfen vorbei und durch Dörfer, die aus wenigen Häusern bestanden. Uns fiel sofort auf, die gut der Weg ausgeschildert war: In regelmäßigen Abständen und an allen Abzweigungen waren Kleber mit der Jakobsmuschel angebracht. Dadurch mussten wir uns nicht groß mit der Wegfindung beschäftigen, sondern konnten einfach nur laufen.

Trotz des schweren Rucksacks war die Strecke bis auf die letzten paar Kilometer kein Problem. In der letzten Stunde spürten wir dann aber, dass wir die Belastung einfach noch nicht gewohnt waren. Deswegen waren wir auch sehr froh, als wir endlich gegen halb fünf Tobel erreichten. Vom Ortseingang aus konnten wir einen Hof sehen, bei dem wir anfragen wollten, ob wir dort übernachten können.

Die Besitzerin des Hofes war sehr nett und bat uns einen Platz auf einer Streuobstwiese an. Wir schlugen unser Zelt auf, kochten unsere erste Mahlzeit, die Kinder von dem Hof schauten neugierig bei uns vorbei und als es dunkel wurde schliefen wir schon.

Tag 2: Tobel – Hörnli

Am nächsten Tag klingelte um 6 Uhr der Wecker, so wie er es die nächsten zwei Wochen jeden Morgen tun sollte. Wir brauchten etwa anderthalb Stunden zwischen dem Weckerklingeln für das Frühstück und das Zusammenpacken unserer Sachen. Auch das sollte ein fester Bestandteil unseres Tagesablaufes werden. Wir liefen an diesem Morgen mit der Aussicht los abends zwei Freunde aus Konstanz zu treffen, die sich für ein paar Tage anschließen wollten und uns hinterher trampten.

Kurz nachdem wir losgelaufen sind: Blick auf die Churfirsten

Der Tag war sehr heiß, sodass wir schon nach wenigen Kilometern in einer Ortschaft eine ältere Dame, die sich gerade an ihren Blumen zu schaffen machte, nach Wasser fragen mussten. Sie füllte unsere Flaschen auf und schenkte uns noch Kekse obendrauf. Unsere einstündige Mittagspause verbrachten wir in einem Waldstück, in dem es einigermaßen angenehm war.

Kurz vor dem Hörnli (was übrigens ein kleiner Berg/großer Hügel ist) trafen wir mit unseren beiden Freunden zusammen und liefen die letzten paar Kilometer mit ihnen gemeinsam. Etappenende war die Spitze des Hörnlis, von der wir eine wunderschöne Aussicht auf das Umland hatten. Dort befand sich auch eine Gaststätte, sodass wir nicht direkt dort übernachten konnten. Ein paar Meter weiter fanden wir aber eine heruntergekommene Scheune, neben der wir unsere Zelte aufbauten. Wir wussten, dass es nachts regnen sollte und waren deswegen froh einen etwas geschützten Platz zwischen Scheune und Wald gefunden zu haben. Tatsächlich fing es beim Kochen auch schon an zu tröpfeln. Wir hatten gerade unseren Reis gekocht und wollten das Gemüse aufsetzen, als der Kocher auf einmal nicht mehr funktionierte. Oben in der Gaststätte war an diesem Samstagabend eine Geburtstagsfeier und der Koch hinter dem Grill erklärte sich dazu bereit unser Gemüse einfach mit zuzubereiten. So kamen wir doch noch zu unserem warmen Essen, das wir an dem Abend auch nötig hatten: Es fing an zu regnen und kühlte stark ab. Wir machten noch Dehnübungen und verkrochen uns dann in unsere Schlafsäcke.

Tag 3: Hörnli – Rüti

Nachdem es fast die ganze Nacht geregnet hatte, war es immerhin trocken als wir morgens aufstanden. Wir beeilten uns mit dem Frühstück und dem Zusammenpacken und stiegen ins Tal ab, dem wir die nächsten Stunden folgten. Unser Kocher funktionierte ja seit dem Vorabend nicht mehr und da Sonntag war, hatte auch kein Geschäft offen. Wir konnten also nicht einmal eine neue Gaskartusche kaufen, um zu schauen, ob es daran lag. Uns war klar, dass wir, wenn wir an diesem Tag noch eine warme Mahlzeit bekommen wollten (und in einem Restaurant essen war keine Option) tagsüber einen netten Menschen finden mussten, bei dem wir kurz unsere Nudeln kochen konnten. Pesto hatten wir dabei, es war also nur eine Frage von ein paar Minuten. Um die Mittagszeit erreichten wir einen Hof, bei dem wir unser Glück probieren wollten. Wir klingelten und liefen um das Gebäude herum, aber alles wirkte verlassen. Die Scheune stand offen und ein Hund lief über den Hof, aber es schienen keine Menschen da zu sein. Plötzlich rührte sich etwas hinter einer Tür auf der Rückseite des Hauses. Ein Mann mit grauen Haaren zog den Vorhang beiseite und öffnete schließlich die Tür ein bisschen. Wir versuchten ihm zu erklären, was wir wollten und es stellte sich heraus, dass er nur Englisch sprach. Er komme eigentlich aus Südafrika und wohne hier seit einiger Zeit. Als er die Tür öffnete gab er den Blick auf seine kleine Einzimmerwohnung frei, in der er zur Untermiete wohnte. Er war ein stiller Typ und die Kommunikation etwas schwierig, wir verstanden nicht wie es ihn ausgerechnet hierher verschlagen hatte oder was er machte. Er kochte uns unsere Nudeln, die wir direkt noch vor seinem Zimmer aßen. Nachdem wir gegangen waren, dachte ich noch eine ganze Weile an ihn.

Blick auf den Züricher See kurz nach unserem Mittagessen

Von dort aus führte der Weg weiter bis zum Züricher See und unser Etappenziel lag hinter diesem. Allerdings zeigte sich ziemlich schnell, dass wir es nicht mehr schaffen würden an diesem Tag so weit zu laufen, weil die eine Hälfte unserer kleinen Wandergruppe nicht mehr konnte. Aber wir mussten natürlich weiter, bis wir einen Hof gefunden hatten, bei dem wir übernachten konnten.

Hinter einem kleinen Waldstück klingelten wir bei ein paar Häusern, aber es war niemand daheim. Erst beim vierten, das noch ein Stückchen weiter lag, bellte ein Hund und eine Frau kam heraus. Wir erklärten ihr, dass wir auf dem Jakobsweg unterwegs seien und fragten, ob wir auf der Wiese neben ihrem Haus zelten konnten. Sie meinte, dass die Wiese nicht zu ihnen gehöre, sondern zu einem anderen Landwirt, aber sie könne versuchen ihn zu erreichen. Wir warteten in der Zwischenzeit auf dem Weg vor ihrem Haus und hofften, dass wir dort bleiben konnten. Nach einer Weile kam sie zu uns und meinte, dass es kein Problem sein, wir können gerne auf der Wiese zelten. Sie führte uns auch noch in den Stall neben ihrem Haus, in dem sich ein Waschbecken befand und meinte, dass wir das gerne nützen können.

Nachdem wir unserer Zelte aufgebaut hatten, ging ich in den Stall, um ein paar Sachen von mir zu waschen. Sie kam nach ein paar Minuten dazu und fragte, wie wir das alles handhabten. Ich erklärte ihr, dass wir mit Zelt, Kocher und allem anderen was wir zur Selbstversorgung brauchten unterwegs seien. Sie nickte. Dann lud sie uns spontan zum Abendessen ein. Ich konnte es gar nicht glauben und wollte schon ablehnen, aber sie bestand darauf.

Als wir um 19 Uhr zu ihr und ihrem Mann kamen, staunten wir nicht schlecht: Sie hatten im Wintergarten gedeckt, es brannten Kerzen, es lief gute Musik im Hintergrund, es war einfach wunderschön! Zum Essen gab es Spaghetti mit Fleisch- und Gemüsebolognese, weil sie ja nicht wusste, ob wir vegetarisch essen oder nicht. Dazu gab es zwei verschiedene Salate, Parmesan und jedes Getränk, das wir wollten. Wir konnten die Gastfreundlichkeit fast nicht fassen und wir wollten natürlich auch keine Umstände machen, freuten uns natürlich aber über alle Maßen!

Wir saßen an diesem Abend noch lange zusammen, genossen das Essen und führten lange Gespräche. Bevor wir ins Bett gingen gaben sie uns noch Decken mit, es sollte kalt werden in dieser Nacht und ließen ihre Terrassentür offen, falls wir aufs Klo müssen. Auch nach dieser ganzen Zeit die zwischen diesem Abend und den Tag heute, an dem ich dies schreibe, rührt mich die Erinnerung an den Besuch bei ihnen immer wieder. Ich hatte viele großartige Erlebnisse auf dem Weg, aber dieser Stopp zählt definitiv zu den großartigsten!

 

Tag 4: Rüti – Sihlsee

Am nächsten Morgen standen wir wieder um 6 Uhr auf und packten unsere Sachen zusammen. Am Abend davor hatten wir von den beiden den Tipp bekommen einen Abstecher über den Sihlsee zu machen. Dieser liegt nicht direkt auf dem Jakobsweg, aber sei so wunderschön, dass es sich auf jeden Fall lohne. So beschlossen wir an diesem vierten Tag den Sihlsee zu erreichen.

Am Abend davor hatten sie gemeint, dass wir morgens noch einmal kurz vorbeischauen sollen, sie würden uns noch einen Kaffee bzw. Tee machen. Als wir wieder zu ihrem Haus kamen, war im Wintergarten abermals gedeckt, auf dem Tisch dampften neben verschiedenen Aufstrichen und Früchten frische Croissants und Heißgetränke. Wir waren so überwältigt! Das gemeinsame Frühstück war noch sehr schön (und lecker!), danach mussten wir aber wirklich aufbrechen. Sie begleitete uns mit dem Hund ein Stückchen bis in ein Waldstück, dort trennten sich unsere Wege, wir verabschiedeten uns mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Nach zwei Stunden erreichten wir Rapperswil am Züricher See. Von dort führt ein Steg über eine schmale Stelle des Sees auf die andere Uferseite. In Rapperswil machten wir eine vorgezogene Mittagspause, da sich meine Sohle anfing abzulösen und ich einen Schumacher suchen musste, um die Sohle zu kleben. In einem Shoppingcenter wurde ich tatsächlich fündig, mein Schuh wurde provisorisch geklebt. Damit konnte ich erst einmal weiterlaufen.

Wunderschönes Rapperswil am Züricher See

Sowohl Rapperswil als auch der Steg der von dort nach Pfäffikon waren wunderschön! Leider hatte einer von uns Probleme mit den Füßen, sodass wir fast nicht vorankamen und noch bevor wir auf der anderen Seite des Sees ankamen klar war, dass wir den Aufstieg zum Sihlsee so nicht schaffen würden. Wir hatten also zwei Möglichkeiten: In Pfäffikon auf dem Campingplatz zu übernachten und hoffen, dass es morgen besser ist oder versuchen zum Sihlsee zu trampen. Wir entschieden uns für die zweite Variante und wurden schon nach wenigen Minuten mitgenommen. Wir passten alle vier in das Auto und der Fahrer wohnte direkt am Sihlsee, also hatten wir es ziemlich perfekt erwischt. Er ließ uns an einer Badestelle an der Nordspitze des Sees aussteigen und ich kann nur bestätigen, dass das liebe Ehepaar aus Rüti uns nicht zu viel versprochen hatte. Der See ist einfach perfekt!

Das Ziel unserer Etappe: Der Sihlsee

Wir liefen nicht einmal eine Stunde am Ufer des Sees entlang, bis wir einen Hof fanden. Der Landwirt verwies uns auf eine seiner Wiesen direkt am Wasser. Was wünscht man sich mehr?

Unsere Zelte direkt am Ufer des Sihlsees

Nach dem Aufbauen der Zelte, gingen noch eine Runde im See schwimmen, kochten uns wieder unser einfaches Abendessen und gingen früh und zufrieden schlafen.


Im nächsten Beitrag geht es weiter vom Sihlsee über Einsiedln und den Vierwaldstädtersee bis nach Lungern.



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