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Blogparade: Die Welt rückt zusammen II

Vor gut einem dreiviertel Jahr habe ich einen Beitrag geschrieben, der sich mit dem gefühlten Zusammenschrumpfen unserer Welt befasste. Geprägt wurde der Artikel von meiner Rundreise durch Kambodscha und den Erfahrungen, die ich während dieser Zeit gesammelt habe. Damals wurde mir durch andere Reisende und mein eigenes Reiseverhalten bewusst, wie beliebig wir auf dem Globus von Land zu Land springen. Damit geht uns vieles verloren: Wir überspringen viele Länder einfach und klammern sie aus, verlieren das Gefühl für Distanzen und nehmen Reisen und Kulturen oftmals nicht als mehr als Prozess, sondern als punktuelles Ereignis war.

Seit meiner Reise nach Kambodscha versuche ich Fliegen zu vermeiden und damit all das zu verstehen, was zwischen zwei Zielen liegt. Denn die Welt besteht nicht nur aus einzelnen Punkten, sondern verändert sich kontinuierlich.

Vor ein paar Tagen bin ich auf die Blogparade vom 1THING TO DO zum Thema “Slow Travelling” gestoßen. Die Bloggparade bietet den perfekten Anlass, um die Überlegungen meines damaligen Beitrags “Die Welt rückt zusammen” fast Jahr danach noch einmal zu reflektieren und weiterzuführen.

Wozu reisen wir wirklich?

Das ist eine Frage, die sich jede/r Reisende irgendwann einmal stellen sollte. Und deren Antwort im Grunde genommen zu komplex ist, um sie in wenigen Zeilen zusammenzufassen. Ich selbst habe mir die Frage immer wieder gestellt und mit vielen anderen Reisenden (aber v.a. Backpackern) diskutiert, gesprochen, mir ihre Reisegeschichten angehört und viel gelesen. Ich habe immer wieder beobachtet, dass das eigentliche Interesse an den Ländern oder den Kulturen bei vielen nur ein vordergründiges Argument war. Viel mehr rühmten sie sich mit den all den abgehakten “Dingen, die man halt mal gemacht haben muss” und durchgestrichenen “Orten, die man halt gesehen haben sollte.” Eine Stadt in einem Tag “kennen lernen”, zehn Länder in zwei Monaten, eine Weltreise in nicht einmal einem Jahr, nirgendwo länger als eine Nacht – und nicht eine Sekunde Zeit um durchzuatmen.

Interessanterweise handelte es sich – natürlich nicht immer, aber in vielen Fällen – um Menschen, die das Hamsterrad in ihrem Alltag hinter sich lassen wollten: Weg von Leistungsdruck, Stress, der ewigen alltäglichen Routine und gesellschaftlichen Konventionen und Zwängen. Das war – neben “Ich liebe reisen und fremde Länder” – auch ihre Antwort, wenn man sie fragte: “Warum reist du?” Doch das eigene Verhalten stand  häufig in einem solchem Kontrast zu den eigentlichen Ideen, dass man fast nicht darum kam zu fragen: “Und wozu reist du wirklich?” Denn hinter den vordergründigen Argumenten, die jede/r hören will, gibt es die Gründe, die sich niemand eingestehen will: Das man möglicherweise reist, um auch Daheimgebliebene zu beeindrucken, “cool” zu sein, mitreden zu können oder letztlich eine nicht materielle Form des Konsums zu leben: Immer weiter, immer schneller, immer mehr. Sogar “Reiseburnout” ist mittlerweile ein gängiges und gleichzeitig paradoxes Phänomen, dass eine beachtliche Anzahl von Reisenden bei sich selbst beobachtet. Spätestens an diesem Punkt sollte man stutzig werden und auf die Idee kommen, dass vielleicht irgendetwas gerade schief läuft.

Das eigene Reisebewusstsein ändern

Jede/r sollte so reisen, wie es einem selbst am besten gefällt. Das steht außer Frage. Doch Reisen ist sowohl von uns selbst als auch – wie oben beschrieben- maßgeblich von unserem Umfeld geprägt. Die Kunst ist es, die Balance zu finden, die zu uns persönlich am Besten passt und uns am glücklichsten macht. Uns (Reisenden mit deutschem Pass) sind in dieser Welt keine Grenzen gesetzt, wir können in nicht einmal einem Tag jeden Ort der Erdkugel erreichen. Gerade dieses Überangebot der erschwinglichen und gut umsetzbaren Optionen führt zu dem häufig auftretenden Konsumverhalten beim Reisen. Warum nicht alles nehmen, was man bekommen kann? Die Antwort lag bei vielen Gesprächen auf der Hand: Weil es nicht zwangsläufig zufriedenstellt und weil die Diskrepanz zwischen den eigentlichen Reiseidealen und den tatsächlichen Beweggründen dadurch zunehmend wächst. Man kann beispielsweise kein Land und seine Kultur in einer Woche kennen lernen, selbst wenn das häufig als Argument genannt wird. Trotzdem scheint das Entschleunigen des eigenen Reisens für viele trotzdem nicht umsetzbar oder schlicht nicht erstrebenswert. Das muss jede/r für sich selbst entscheiden. Viel reden, ausprobieren und vor allem kritisches Reflektieren hilft jedoch den eigenen Standpunkt zu finden.

Wir Springen durch die welt

Meine Rundreise durch Kambodscha und die anderen Reisenden, die ich dort getroffen habe,  haben mir persönlich sehr geholfen, herauszufinden, wie ich in Zukunft reisen möchte. Schon den Flug fasste ich als problematisch auf: Die gesamte Erde passte in den kleinen Bildschirm in dem Sitz vor mir. Wir wurden innerhalb von zehn Stunden in eine andere Kultur geschmissen, ohne ein Bewusstsein oder ein Interesse dafür zu haben, welche Welten wir übersprungen hatten. Ich selbst finde mich in kürzester Zeit in fremden Ländern zurecht. Andere Reisende haben mit dem Kulturschock, der u.a. auf dem “In-eine-fremde-Kultur-Katapultieren” basiert, zu kämpfen. Vom Jetleg, der einen erst einmal zwei Tage lahm legt, möchte ich gar nicht erst anfangen. Warum treten diese Phänomen auf? Die Antwort liegt auf der Hand: Wir reisen zu schnell. In Kambodscha selbst war ich von anderen Reisenden genauso irritiert, wie sie von mir. “Wie? Du reist nur in Kambodscha?”, war eine Frage, die mir nur allzu häufig gestellt wurde. Da ich fast vier Wochen unterwegs war, verstanden viele nicht, warum ich mir nicht noch Laos anschaute und einen Abstecher nach Vietnam machte. Denn das war offensichtlich für viele die Norm. Natürlich kann man für drei Tage eine Tour über die Grenze machen. Dann hat man die Orte zwar gesehen, aber hat man es auch gelebt und verstanden? Nein?! Egal! Man muss halt mal dort gewesen sein…

Schon vor meiner Reise durch Kambodscha war mir klar, dass ich mich lieber nur auf ein Land konzentrieren will, als zwei (oder mehr) Länder nur bruchstückchenhaft mitzunehmen. Im Nachhinein betrachtet ist das eine gute Entscheidung gewesen. Selbstverständlich versteht man ein fremdes Land auch nach drei Wochen nicht. Auswanderer werden bestätigen, dass dafür nicht einmal Jahre reichen. Aber man kann es versuchen, sich Zeit nehmen und damit der Kultur- und sich selbst- eine Chance geben. Wenn ich nun Berichte im Internet lese, in denen sich die Reisenden beispielsweise nur auf Ankor beschränken, weil “man das halt mal gesehen haben muss”, aber für sonst nichts Zeit bleibt, macht mich das traurig. Beim Springen von einem “Highlight” zum nächsten “Must-See” geht viel verloren.

Eine weitere Idee habe ich aus meiner Reise mitgenommen und – im Rahmen des Möglichen- bereits umgesetzt: Ich wollte auf Fliegen wenn möglich verzichten und damit alle Städte, Menschen, Landschaften, Besonderheiten zwischen meinem Startpunkt und dem Zielort akzeptieren und als Teil meiner Reise ansehen. Gelungen ist mir das -zumindest teilweise- auf meinem Weg nach Kapstadt, indem ich nur bis nach Tansania geflogen bin und den restlichen Weg über Land zurück gelegt habe. Es war nicht der einfachere Weg, aber der spannendere. Die Reise war ein Versuch, der auf grandiose Art und Weise glückte und mich daran bestätigt hat zukünftig, wenn möglich, aufs Fliegen zu verzichten.

Eine Strecke, Zwei Welten

Als ich drei Monate später von Kapstadt wieder zurück nach Deutschland flog, saß ich in meinem Sitz und beobachtete wieder einmal wie sich das kleine Flugzeug  über den Globus schob, immer Richtung Norden. Nur war die Karte nicht mehr einfach nur eine Karte, eine vereinfachende topographische Darstellung, sondern ich wusste auf einmal was unter mir lag. Ich bin dort entlang gelaufen, habe Menschen kennen gelernt, die dort leben, habe die Landschaften gesehen und die Luft gerochen. Als wir anfingen, Regionen zu überfliegen, durch die ich nicht gereist bin, wünschte ich mir, ich würde auch diese Länder kennen und wissen, wie es dort aussieht. Sie sollten nicht nur irgendwas sein, das dummerweise auf meinem Weg zwischen Kapstadt und München lag. Die Idee des Greifbaren gefiel mir.

Überlandfahrten lassen das Vorwärtskommen anders wirken. Wenn man sich bewusst gegen das Fliegen entscheidet, entzerrt sich die persönliche Wahrnehmung der Weltkugel nach und nach. Die Geschwindigkeit des Reisens sinkt, dafür dehnt sich die benötigte Zeit und man gewinnt das Gefühl für Distanzen zurück. Orte befinden sich nicht nur in unserem Wissen weit weg, sondern wir verstehen diese Tatsache auch. Und während die Weiten der Welt sich wieder ausdehnen, rücken Menschen wieder zusammen. Wir treffen aufeinander: In Bussen, im Zug, beim Essen, in Unterkünften. Wir überspringen die Länder nicht nur, wir interagieren mit ihnen. Dadurch entsteht zwangsläufig ein Widerstand, man bleibt häufiger hängen, aufgrund von Komplikationen oder wunderbarern Zufällen, muss Pausen einlegen, bleibt stehen, weil man staunt. Man kommt vorbereiteter, gelassener und vor allem wissender an seinem Zielort an, weil kein abrupter Sprung stattfindet, sondern ein Prozess. Dabei kann der zurückgelegte Weg sowohl die Reise selbst sein, als auch eine alternative Möglichkeit sein Ziel zu erreichen. Unabhängig davon, wie man sich letztlich fortbewegt oder für welche Art des Reisens man sich entscheidet, sollte das Erleben im Mittelpunkt stehen. Und eine Divise bewahrheitet sich dabei immer wieder: Manchmal ist weniger einfach mehr.

 

Nachwort: Die Argumente und daraus gezogenen Schlüsse basieren lediglich auf meinen subjektiven Erfahrungen, die ich beim Reisen mit anderen Individualreisenden gemacht habe. Mir ist bewusst, dass die Vielfalt der Reisegründe, sowie des Reisens an sich zu vielschichtig sind, um sie in einem solchen Beitrag zu erfassen. Lediglich häufig auftretende und für den Gesamttext relevante Kernaussagen wurden für diesen Beitrag verwendet und stellen damit ein selektives Bild da. Ich hoffe natürlich , dass euch der Beitrag trotzdem zum Nachdenken angeregt und gefallen hat 🙂



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9 People Replies to “Blogparade: Die Welt rückt zusammen II”

  1. Liebe Christine, da kann ich jedes Wort von dir unterschreiben. Auch wenn ich nicht ganz so konsequent überland reise. Hach, und nach Äthiopien würde ich ja auch gerne mal!
    Ich habe schon vor einem Jahr einen Artikel zum langsamen Reisen geschrieben, zu dieser Rekordsucht mancher Reisenden und habe mal ganz einfach einen Link zu deinem Artikel eingebunden. Ich hoffe, das ist ok für Dich
    Liebe Grüße
    Ulrikr

    1. Hallo Ulrike,
      es freut mich sehr, dass dir mein Beitrag gefällt! Natürlich habe ich die Verlinkung auch gerne freigeschaltet 😉 Habe mir eben deinen Artikel dazu durchgelesen und die Erfahrungen erinnern mich sehr an meine- Es ist wirklich unglaublich wie Reisen von vielen konsumiert wird.
      So wirklich konsequent reise ich leider jedoch nicht überland. Ich versuche es zwar wenn möglich zu vermeiden, aber allzuhäufig musste ich trotzdem aufs Flugzeug zurückgreifen- Leider. Aber es ging in den meisten Fällen einfach nicht anders.
      Liebe Grüße
      Christina

      1. Ja, das ist wohl richtig. Ich kann auch nicht jedes Mal mit der Transsib nach Peking reisen. 😉
        Aber ich hab es schon getan! Hin und zurück!
        LG
        Ulrike

        1. Das war bestimmt ein großartiges Erlebnis! Man sollte wirklich so häufig überland reisen wie möglich, es ist so viel spannender als Fliegen 🙂