Gastbeitrag: Mauretanien

Ein großes Anliegen meinerseits ist immer noch über das Reisen abseits der ausgetretenen Pfade zu berichten. Aus diesem Grund freue ich mich sehr über den Gastartikel eines Bekannten von mir, der von 2014 bis 2015 in Mauretanien gelebt hat und über seine persönlichen Highlights in diesem (von Europa) kaum beachteten Land berichtet. Mehr Infos hier. Viel Spaß beim Lesen. :)

Das nordwestafrikanische Land zählt mit mehr als 1 Mio. km² (ca. der dreifachen Fläche Deutschlands) gerade nicht mehr zu den Top Ten der flächenmäßig größten afrikanischen Staaten. Trotzdem ist Mauretanien vielen noch so unbekannt, dass es namentlich mitunter gern mit Mauritius verwechselt wird. Auch leben in dem Land, was sich zwischen Marokko mit den Gebieten der Westsahara im Norden und dem Senegal im Süden erstreckt, gerade einmal etwas mehr als 3 Millionen Menschen.

Nomadenkultur bis heute

 Aufgrund der Tatsache, dass Mauretanien den westlichen Abschluss der Sahara bildet und zum allergrößten Teil aus Wüste besteht, ist das Land bis heute stark von Nomadismus geprägt. Die Landesnatur wirkt sich auch auf die mauretanische Bevölkerung und ihre Kultur aus. Bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts lebten noch 90 Prozent der Menschen als Nomaden in Zelten, größere Städte gab es kaum.

Dies hat sich mittlerweile zwar verändert, wie anderorts zieht es auch in Mauretanien viele ehemals nomadisch lebende Menschen in die rasant wachsenden Städte. Ihre nomadische Herkunft ist jedoch teils immer noch sichtbar; und so kann man beispielsweise beobachten, wie wohlhabende Städter neben ihren Villen ein Zelt aufstellen, um dann dort – und nicht unter einem Betondach – zu übernachten. Auch die Abwesenheit einer eigenen mauretanischen Kochkultur beruht auf der nomadischen Vergangenheit. Die Suche nach Weideland und Wasser war stets von Mangel geprägt, die Ernährungsgrundlage in der Wüste sind die Milch- und Fleischerzeugnisse von Schafen, Rindern, Kamelen und Datteln. Und selbst heute noch findet man in sehr vielen Restaurants im Landesinneren oft nicht viel mehr als gegrilltes Schaffleisch (meshwoui). Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitete sich dann die aus Marokko kommende Teekultur über das gesamte Land. Der mittlerweile aus China importierte grüne Tee – so oft von einem Glas ins andere umgefüllt bis eine Schaumkrone entsteht – wurde im gesamten Land zum Nationalgetränk.

Die noch von Wüste und Nomadismus geprägte Gesellschaft, eine erst sehr rudimentär entwickelte touristische Infrastruktur sowie die in der Vergangenheit immer wieder volatile Sicherheitslage haben das Land unter ausländischen Touristen bisher nie populär werden lassen. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen ist es mit seinen beeindruckende Natur- und Kulturdenkmäler für Individualtouristen durchaus eine Reise wert.

Eine Hauptstadt am Rande der Wüste

Anreisepunkt ist zu allermeist die Hauptstadt Nouakchott, eine sich unaufhörlich nach allen Seiten ausbreitende Metropole, in der mit 1 Mio. Einwohnern mittlerweile gut ein Drittel der gesamten Bevölkerung Mauretaniens lebt. Abseits der Magistralen sind auch noch in der Hauptstadt die meisten Straßen unasphaltiert und mit gelb-rötlichem Sand ‚gepflastert‘ . Das hat seinen eigenen Charme, kann die Straßen aber je nach Jahreszeit auch gern mal in einen Schlammmorast oder bei starkem Wind in eine gelbe Sandwand verwandeln.

Straßenszene in Nouakchott

Seit zwei Jahren (und entgegen anders verlautbarten Angaben im Internet) erhalten europäische Reisende nun auch ein Visum (ca. 150€) bei der Einreise direkt und bequem am Flughafen. Nouakchott selbst ist als Regierungssitz und administratives Zentrum des Landes eher langweilig, ist jedoch ein guter Ausgangspunkt für viele Touren, die sich hier gut bei den lokalen Touroperatoren buchen lassen.

Unglaubliche Artenvielfalt an der Atlantikküste

Eine besondere Reise wert ist der an der 800km langen Atlantikküste gelegene Nationalpark Banc d’Arguin. Ganz und gar verlassen erstreckt sich hier eine Strandwelt aus abgelegenen Buchten und vorgelagerten Inseln, welche bereits 1976 als Nationalpark ausgewiesen und geschützt wurde.

Walskelett an der Küste

Neben einem außergewöhnlich hohen und interessanten Fischvorkommen ist die Banc d’Arguin auch Überwinterungsstation von Millionen von Zugvögeln und liegt am Ende einer der beiden Hauptflugrouten der Vögel von Europa nach Afrika. Und so unbekannt der Nationalpark für die meisten Menschen ist, so bedeutet der Name bei Ornithologen auf der ganzen Welt ein Mekka für Vogelbeobachtungen, ausgestattet mit Beobachtungstürmen und einer wissenschaftlichen Vogel-Station.

Ebenso beeindruckend wie ein Trip in den Nationalpark am Atlantik sind die Ausflüge in die Wüste. Ein wunderbarer Ort dafür ist die Wüstenoase Terjit. Mitten in der kargen und steinig-sandigen Wüstenlandschaft ermöglicht eine aus Felsen entspringende Süsswasserquelle das Entstehen einer kleinen Ortschaft mit Häusern aus Lehm und Stein. Diese sind umgeben vom satten Grün der Büsche und Dattelhaine um einem kleinen Wasserlauf, der sich durch die Oase schlängelt.

Die Wüstenoase Terjit

Der Ort ist idealer Ausgangspunkt für Wüstenwanderungen, die durch verschiedenfarbige Sand- und Steinwelten führen, und man unter anderem auch Teile der berühmten Rallye Dakar kreuzen, welche durch ganz Mauretanien lief, bevor sie 2009 nach Südamerika verlegt wurde.

Jahrhundertealte Hochkultur in Mitten der Sahara

Ein Ort, der es in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geschafft hat, ist die auf dem Wüstenplateau von Adrar gelegene Stadt Chinguetti. Die Stadt zeugt als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum von der Nomadenkultur der westlichen Sahara. Ende des 8. Jahrhunderts gegründet, entwickelte sich die Stadt in den folgenden Jahrhunderten zu einem bedeutenden Handelszentrum auf der Karawanenroute von Nord- nach Subsaharafrika.

Ab dem 16. Jahrhundert entfaltete sich Chinguetti zum größten und wichtigstem kulturellem Zentrum der Region mit eigenen Bibliotheken.Auf Gazellenhaut geschrieben und mit Ziegenhaut geschützt wurden hauptsächlich Koran-Manuskripte angefertigt und aufbewahrt, jedoch auch Texte aus Wissenschaft und Kultur. In Westafrika gilt der Ort unter dem Namen ‚Stadt der Bibliotheken‘ als 7-heilige Stätte des Islam. Die Freitagsmoschee mit ihrem aus okarfarbenen Steinen aufgeschichteten Minarett ist noch erhalten, ebenso wie einige Bibliotheken und weitere Gebäude, die sich mit ihren Patios in den engen Gassen drängen und noch nicht vom Sand der umgebenden Wüste verschluckt wurden.

Wer fernab von Massentourismus und organisierten Gruppenreisen ein stark von der Wüste und der nomadischen Herkunft geprägtes Land, seine Menschen und seine Natur- und Kulturdenkmäler entdecken möchte, für den gilt es die Unbekanntheit Mauretaniens zu nutzen. Auch wenn von offiziellen Stellen immer noch vor Reisen nach Mauretanien gewarnt wird, sind sie mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen, wie z.B. von einheimischen Guides begleitete Touren in die Wüste, durchaus zu verantworten und sind ein ausgesprochener Geheimtipp.

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