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Der Schweizer Jakobsweg Teil 2: Vom Sihlsee nach Lungern

Schön, dass du wieder dabei bist! In meinem letzten Beitrag habe ich über die ersten vier Tage auf dem Schweizer Jakobsweg berichtet, die nächsten Etappen führen weiter über Einsiedeln und den Vierwaldstättersee bis nach Lungern in der Zentralschweiz.

Tag 5: Sihlsee – Haus etwa 10 km hinter Einsiedeln

Nachdem wir morgens aufgewacht waren, gingen wir erst einmal eine Runde im See schwimmen und waren fast schon ein bisschen wehmütig, dass wir diesen wunderschönen Ort hinter uns lassen mussten. Nachdem sich in den Morgenstunden noch ein klarer Himmel über uns erstreckt hatte, zogen bald Wolken auf und es wurde rauer. Wie bereits in der Wettervorhersage angekündigt, fing das Wetter an schlechter zu werden. Wir packten unsere sieben Sachen zusammen und machten uns auf den Weg nach Einsiedeln.

Die kleine Stadt liegt gerade einmal ein paar Kilometer vom Sihlsee entfernt und ist aufgrund des riesigen Klosters bis heute eine der bekanntesten und wichtigsten Ortschaften auf dem Schweizer Jakobsweg. Von hier aus wollten die beiden Freunde, die mich und meine Mitbewohnerin die letzten drei Tage begleitet hatten, auch wieder zurück nach Konstanz fahren.

Obwohl die Strecke zwischen dem Sihlsee und Einsiedeln gerade einmal fünf Kilometer beträgt und damit gut in einer Stunde gelaufen werden kann, brauchten wir viel länger, weil einer von uns immer noch Schmerzen an den Füßen hatte und sich bei meiner Mitbewohnerin in den letzten Tagen ziemliche Blasen gebildet hatten, die immer schlimmer wurden. Wir erreichten Einsiedeln erst gegen 11 Uhr. Dabei kamen wir natürlich direkt an dem berühmten Kloster vorbei, das auch für Besucher geöffnet war. Ich kann wirklich allen nur empfehlen, sich dieses Kloster anzuschauen, wir waren schwer beeindruckt! Bevor wir das Kloster wieder verließen, zündeten wir auch eine Kerze an, die uns auf unserem weiteren Weg Glück bringen soll. Eigentlich glaube ich nicht an so etwas. Ohne zu wissen, wie es sonst gelaufen wäre, kann ich aber sagen, dass es in unserem Fall auf jeden Fall funktioniert hat.

Während wir noch ein paar Lebensmitteln im Stadtzentrum einkauften, fing es dann auch an zu regnen. An dieser Stelle sollten wir uns dann auch von den anderen beiden trennen, sie wollten nach Konstanz zurücktrampen, unser Weg führte weiter in Richtung Vierwaldstättersee. Meine Mitbewohnerin, die in ihren eigenen Schuhen einfach nicht mehr laufen konnte, nahm sich die Wanderschuhe von der Freundin, die nach Konstanz zurückfuhr. Das stellte sich im Nachhinein als eine der besten Entscheidungen überhaupt heraus: Ihre Füße konnten sich dadurch wieder erholen und sie schaffte es den kompletten Weg mit diesen Schuhen noch zu Ende zu laufen.

Natürlich konnten wir das aber noch nicht wissen, als wir unsere Regenkleidung anzogen und zu zweit Einsiedeln Richtung Süden verließen. Der Weg führte uns durch ein Tal, in dem vereinzelnd Häuser oder kleine Dörfer lagen, ansonsten erstreckten sich Wiesen über die Fläche. Zu Beginn regnete es noch nicht so stark, doch das änderte sich bald. Nach über zwei Stunden im starken Regen wurde uns klar, dass unsere Regenhüllen und -kleider bald nicht mehr dicht halten würden und es auch nicht möglich sein würde einen trockenen Schlafplatz zu finden. Bei dem nächsten Haus, an dem wir vorbeikamen stellen wir uns unter dem Garagendach unter, um kurz etwas zu essen und zu überlegen, was wir machen wollten. Die nächste Ortschaft war mindestens noch eine Stunde entfernt, wir waren nass und es wurde zunehmend kälter.

Wir saßen bestimmt schon eine halbe Stunde dort, als sich plötzlich hinter uns das Garagentor öffnete. Wir schreckten hoch und sahen auch erst dann, dass ein Auto in der Einfahrt neben dem Haus stand. Tatsächlich hatten wir nicht gedacht, dass das Haus schon bewohnt war, es sah aus als sei es gerade erst in der Fertigstellung. Ein älterer Herr lenkte seinen Wagen in die Garage, hantierte dann dort noch ein bisschen rum, starrte uns an, kramte weiter in der Garage herum, verschwand kurz, kam wieder, fragte uns ob wir einen Kaffee oder Tee haben wollten. Ehe wir uns versahen, saßen wir bei ihm auf der Terrasse hinterm Haus mit warmen Getränken in der Hand. Wir saßen schon eine Weile zusammen, als sich die Terrassentür öffnete und eine Frau – seine Ehefrau – uns verwunderte anschaute. Sie sei oben gewesen zum telefonieren und habe gar nicht mitbekommen, dass wir da sind. Und fünf Minuten später saßen wir bei den beiden in der Küche und hatten den nächsten Tee vor uns stehen.

Was soll ich sagen? Das Ehepaar aus Rüti war schon wahnsinnig toll gewesen und ich bin nach wie vor super dankbar, die beiden setzten dann aber fast noch eins drauf. Während wir bei ihnen saßen, regnete es immer weiter, eigentlich wollten wir an dem Tag aber noch ein Stückchen weiter kommen. Als es gerade nicht mehr regnete, packten wir unsere Sachen zusammen und wollten eigentlich wieder aufbrechen. Gerade als wir in der Tür standen und uns verabschiedet hatten, fing es dann wieder an stark zu regnen. Da standen wir und zögerten, wir hatten wirklich keine Lust wieder in den Regen zu müssen, konnten ja aber auch nicht einfach bleiben.

Wie als hätten sie unsere Gedanken gelesen, boten die beiden uns an, bei ihnen zu übernachten. Wir lehnten zunächst ab, weil wir ihnen natürlich keine Umstände machen wollten und schlugen zunächst als Kompromiss vor unser Zelt bei ihnen im Garten aufschlagen. Das wäre schon eine riesen Hilfe gewesen, weil wir dann im Regen nicht mehr nach einem Schlafplatz hätten suchen müssen. Aber für die beiden war das keine Option, sie quartierten uns stattdessen bei sich im Gästezimmer ein. Wir konnten duschen, meine Mitbewohnerin konnte ihr geschundenen Füße verarzten, unsere Sachen wurden zum Trocknen aufgehängt und als Highlight bekamen wir Pantoffeln mit der Schweizer Flagge drauf.

Die schweizer Pantoffeln

Gemeinsam aßen wir Abendbrot und unterhielten uns sehr gut, draußen regnete es immer weiter und wir waren einfach nur dankbar schon wieder so liebenswerte und hilfsbereite Menschen getroffen zu haben. Es war die erste Nacht in einem richtigen Bett und die erste Dusche seit einer knappen Woche. Wir konnten unser Glück kaum fassen.

Tag 6: Hinter Einsiedeln – Oberdorf

Am diesem Morgen frühstückten wir noch gemeinsam, es gab selbst gemachten Saft, Joghurt, Marmeladen, Müsli und bevor wir aufbrachen, bekamen wir noch unsere Schuhe imprägniert. Es war fast schon traurig zu gehen, wir haben uns bei den beiden richtig wohl gefühlt. An dieser Stelle kann ich auch nur noch einmal danke sagen!

Als wir das Haus gegen sieben Uhr verließen, regnete es zum Glück nicht mehr. Alles war nass und es hatte abgekühlt, aber das ist ja beim Wandern kein Problem. Direkt vor uns lag der Haggeneggpass, den wir überqueren mussten, um den Vierwaldstättersee zu erreichen. Links neben dem Pass erhoben sich der kleine und der große Mythen, die ersten “richtigen” Berge, die wir auf unserem Weg sahen.

Der kleine und der große Mythen

 

Für ein paar Stunden riss die Wolkendecke auf und gab den Blick auf den Vierwaldstättersee frei.

Beim Abstieg vom Pass riss dann sogar die Wolkendecke auf und wir bekamen ein paar Sonnenstrahlen ab. Motiviert durch das gute Wetter machten wir an dem Tag gut Strecke und kamen noch am Vormittag in Schwyz an, von dort ging es weiter nach Brunnen, den Vierwaldstättersee hatten wir immer fest im Blick. Dummerweise sind wir wohl irgendwo falsch abgebogen und irrten dann eine ganze Weile durchs schwyzer Industriegebiet. Wir kannten zwar die grobe Richtung, in die wir weiter mussten, aber ohne Markierungen war es dann doch nicht einfach am Zielort anzukommen. Wir fragten unter anderem eine alte Dame nach dem Weg, mit der wir dann auch ins Gespräch kamen und die völlig begeistert war, dass wir aus Konstanz kommen. Sie meinte, sie sei auch schon häufig dort gewesen und zählte uns ihr Lieblingscafés auf.

Um die Mittagszeit kamen wir schließlich in Brunnen an. Den Vierwaldstättersee mussten wir mit einer Fähre überqueren, einen Steg, wie am Züricher See, gab es hier nicht. In der Touristeninformation wollten wir unsere Tickets schon einmal vorkaufen. Der Typ am Schalter meinte aber, dass er Weg auf der anderen Seite des Sees nach Regen sehr schlecht begehbar sei und dass es besser wäre, zu einer anderen Stelle überzusetzen und das ganz steile Stück damit zu umgehen. Wir hörten auf seinen Rat und setzten nach Beckenried über. Dort trafen wir bei einer kleinen Kapelle auch das erste Mal auf eine Gruppe anderer Pilgerer. Es zeigte sich allerdings ziemlich schnell, dass wir alle ein ziemlich unterschiedliches Tempo liefen und uns ehrlich gesagt auch nicht sonderlich gut verstanden, sodass sich die kleine Gruppe wieder schnell zerstreute.  Nur mit zwei Männern im mittleren Alter waren wir noch ein ganzes Stückchen unterwegs, die beide unabhängig voneinander bis nach Santiago de Compostella laufen wollten. Der eine war Trailrunner und deswegen extrem fit, der andere hatte Probleme mit seinen Knien. Wer weiß, ob sie es beide geschafft haben. Ich hoffe es auf jeden Fall.

Da es in dieser Nacht stark regnen sollte, beschlossen wir das erste Mal bei “Schlafen im Stroh” zu übernachten. Diverse Höfe entlang des Jakobswegs hatten ihre Scheunen mit Stroh ausgelegt, sodass Pilgerer relalativ günstig dort übernachten konnten. (Wir reden hier wohlgemerkt immer noch 30 Franken pro Nacht, aber etwas günstigeres zum Schlafen bekommt man in der Schweiz wirklich nicht.) Unser Wanderführer hatte uns eine Unterkunft bei Oberdorf empfohlen, wo wir dann letztlich auch blieben. Das stellte sich ziemlich bald als eine gute Entscheidung heraus, da es nachts so stark regnete, dass sogar das Dach an einer Stelle neben uns nicht mehr dicht hielt und es reintropfte. Wir blieben aber zum Glück trocken und konnten gut im warmen Stroh schlafen.

Tag 7: Oberdorf – Kloster Bethanien

Es regnete den ganzen Tag. Als wir unsere Unterkunft verließen, hielt das Wetter noch eine ganze viertel Stunde, dann fing es an zu schütten – und hörte den restlichen Tag nicht mehr auf. Wenn es regnet, zieht sich der Blick zusammen. Die Landschaft versinkt, das Wasser tropft von der Kapuze ins Blickfeld, es gibt keine Grund sich umzuschauen, weil alles hinter einem grauen Schleier liegt. Also starrt man die ganze Zeit auf den Weg vor sich. Bald waren wir komplett nass, die Regenkleidung hielt zwar dicht, aber ich schwitzte so sehr darunter, dass alles klebte. Pausen konnten wir auch keine einlegen, weil es sofort kalt wurde. Ich gebe ehrlich zu, dass meine Laune immer weiter sank, ich bin leider nur fürs Wandern im Trockenen gemacht. Hitze, eine undurchsichtige Nebelwand, alles kein Problem, damit komme ich klar. Aber nicht mit Regen, wie sich an diesem Tag herausstellte.

Wir beschlossen dann auch nicht so weit zu laufen und es beim Kloster Bethanien, dass wir nach etwa 16 km erreichen sollten, gut sein zu lassen. Es regnete so sehr, dass wir unser Zelt wirklich nicht auf einer Wiese aufschlagen wollten, es war gut zu wissen, dass wir abends ein Dach über dem Kopf haben würden.

Für eine halbe Stunde hörte es auf zu regnen und gab vom Kloster aus den Blick frei auf den Sarnersee.

Nachmittags erreichten wir das Kloster und waren froh, dass sie noch freie Betten für uns zur Verfügung hatten. Wir teilten uns das Zimmer mit einer anderen Frau, die insgesamt für eine knappe Woche auf dem Jakobsweg unterwegs war. Wir kochten uns noch Couscous unter dem Vordach im Hof und gingen dann aber bald auch schon schlafen.

Tag 8: Kloster Bethanien – Lungern

Ganz nach der täglichen Routine hatten wir uns den Wecker wieder auf 6 Uhr gestellt. Ich stand auf und tappte erst einmal noch völlig verschlafen ins Badezimmer. Als ich fertig war und wieder zurück ins Zimmer wollte, knackte das Schloss an der Tür und ließ sich nicht weiter öffnen. Ich war schlagartig wach, probierte mehrere Male den Knauf umzudrehen, aber ich konnte die Tür nicht mehr öffnen. Bis zu einem gewissen Grad konnte man ihn drehen, dann blockierte etwas. Fenster hatte der Raum auch keine, die Tür war der einzige Ausweg. Na super! Es dauerte eine ganze Weile, bis andere Leute in das Bad wollten und auch meiner Mitbewohnerin klar wurde, dass ich schon ziemlich lange weg war. Sie versuchte dann sogar das Schloss auszubauen, aber ein Taschenmesser kommt werkzeugtechnisch dann doch schnell an seine Grenzen. Letztlich musste der Hausdienst gerufen werden. Das Schloss hatte sich so verhakt, dass der es schließlich komplett herausbrechen musste, um mich aus dem Badezimmer zu befreien. Ich war schon ziemlich erleichtert, als ich wieder draußen war. Auf unsere Wanderung hatte die kleine Verzögerung am Morgen jedoch keinen Einfluss, da es immer noch schüttete und wir sowieso noch warten wollten, bis das Wetter zumindest ein bisschen besser wurde. Leider war auf den Wetterdienst nur mäßig Verlass und letztlich liefen wir trotzdem im Regen los. Wir wollten ja schließlich an dem Tag noch weiterkommen, einfach in dem Kloster zu bleiben, wäre keine Option gewesen.

Der Sarnersee im Regen

Und wieder ging es durch den Regen. Und wieder war meine Laune im Keller, da war leider nichts zu machen. Ich lief noch bis zum Bahnhof Sachseln mit und beschloss dann bis nach Lungern den Zug zu nehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass manche von euch, die schon Tage und Wochen bei miesem Wetter draußen unterwegs waren, nur müde darüber lächeln. Aber für mich war das in dem Moment die einzig richtige Entscheidung, ich sehe kein bisschen Mehrwert darin im Regen wandern zu gehen. Und bevor ich mit meiner schlechten Laune meine Mitbewohnerin noch weiter nervte, beschloss ich einfach die letzten paar Kilometer zu überspringen und in Lungern schon eine Unterkunft für uns ausfindig zu machen. Sie nahm nicht den Zug und erreichte ein paar Stunden später unser Etappenziel.

Das andere Ende vom Sarnersee

Aufgrund des andauernden Regens hatten wir uns dazu entschieden noch eine Nacht bei “Schlafen im Stroh” zu verbringen. Der Hof war bei weitem nicht so gemütlich wie der erste. Die Schlafplätze befanden sich in einem etwas zugigen Stall, dessen Boden mit Stroh ausgelegt war. Wir trafen dort aber auf zwei andere Pilgerer, mit denen wir dann zusammen kochten, Karten spielten und der eine schenkte uns noch seine Freiminuten, damit wir daheim anrufen konnten. Ich war trotzdem froh, als ich dann endlich in meinem warmen Schlafsack lag.


Im nächsten Beitrag berichte ich über unseren Weg von Lungern über den Brienzersee und den Thunersee bis nach Burgistein. Dann auch wieder bei gutem Wetter.



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