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Der Schweizer Jakobsweg Teil 4: Von Burgistein nach Lausanne

Willkommen zurück, ich freue mich, dass du auch auf dem letzten Abschnitt des Schweizer Jakobsweg mit dabei bist! Nachdem uns der Weg aus dem letzten Beitrag einmal quer durch die Zentralschweiz geführt hat, geht es heute über Fribourg weiter in die französischsprachige Schweiz bis nach Lausanne am Genfersee. Und wieder einmal treffen wir auf viele liebe und hilfsbereite Menschen, trampen bei Autos und Traktoren mit und genießen – trotz einer merkwürdigen Situation gegen Ende – unsere letzten Tage in der wunderschönen Schweiz.

Tag 13: Burgistein – Kurz hinter Heidenried

In dieser Nacht regnete es stark, aber als wir morgens aufstanden hatten sich alle Wolken verzogen und ein wunderschöner Tag erwartete uns. Es zog uns weiter über bewaldete Hügel in Richtung der französischsprachigen Schweiz. Wir kamen langsam aber kontinuierlich voran, ein Problem kristallisierte sich jedoch zunehmend heraus: Wir waren ja mittlerweile zu dritt unterwegs und die Freundin meiner Mitbewohnerin hatte ihr eigenes Zelt mitgebracht, weil unseres nur Platz für zwei Personen hatte. Allerdings war dieses zusätzliche Zelt für drei Personen ausgelegt und wog ziemlich viel, sodass wir auf alle umgerechnet eindeutig zu viel Gepäck schleppten. Nach einiger Diskussion entschieden wir uns dafür das kleinere Zelt vorzuschicken. Tatsächlich kann man in der Schweiz von jeder Poststation aus Pakete an andere Postfilialen im Land schicken – für relativ wenig Geld. Da dies eine Entlastung von mehreren Kilo bedeutete, nutzten wir diese Möglichkeit der Entlastung und schickten das Zelt und ein paar weitere Utensilien, die wir in den nächsten Tagen nicht mehr brauch würden, nach Romont, dem übernächsten Etappenziel. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir allerdings noch nicht, dass diese Entscheidung unseren weiteren Weg grundlegend beeinflussen würde.

Nachdem wir das Zelt  in Schwarzenburg abgegeben hatten, mussten wir noch im nächsten Supermarkt eine neue Gaskartusche kaufen und gönnten uns noch zu dritt als zweites Frühstück an diesem Tag einen riesige Packung Eis. (Die wir natürlich komplett leer aßen)

Ein weiterer sonniger Tag auf unserer Wanderung

Danach machten wir uns wieder – mit leichterem Gepäck – auf den Weg. Unser heutiges Etappenziel war ganz grob die Gegend wenige Kilometer vor Fribourg, damit wir am nächsten Tag die Stadt auf jeden Fall durchqueren konnten, um dahinter wieder ein Stückchen Wiese für unser Zelt zu finden.

An diesem Abend kamen wir wieder bei einem sehr netten Landwirt kurz hinter der Ortschaft Heidenried unter. Er verschaffte uns, wie so viele andere, Zugang zu fließendem Wasser und hätte uns auch in der Scheune schlafen lassen, aber wir entschieden uns doch ein weiteres Mal für die Wiese neben dem Hof.

Tag 14: Kurz hinter Heidenried – Neyrez

Kaum zu glauben: An diesem Tag waren wir genau seit zwei Wochen unterwegs und standen kurz vor der französischsprachigen Schweiz. Wahnsinn wie die Zeit vergeht, aber auch welche Strecken wir bereits zurückgelegt hatten!

Bereits am Morgen kündigte sich ein weiterer, sonniger Tag an. Wir packten wie üblich alles zusammen, frühstückten, machten uns bereit für die heutige Etappe. Bevor wir aufbrachen, lief ich noch kurz zum Hof, um unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Auf dem Rückweg führte mich der Pfad an einem Wohnhaus vorbei, in dessen Erdgeschoss ein älterer Herr am offenen Fenster saß. Er winkte mich zu sich und wollte, glaube ich, wissen wo wir herkamen und wohin wir noch wollten. Ich kann allerdings nur raten, weil ich nichts von dem verstand, was er sagte. Er sprach zwar noch Deutsch, aber der Dialekt war kurz vor der Grenze zum französischsprachigen Teil der Schweiz so stark ausgeprägt, dass ich ihn einfach nicht verstand – und er mich, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen – auch nicht. Schließlich zuckte er nur mit den Schultern und gab mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich warte solle. Kurz darauf erschien er wieder im Fenster und überreichte mir einen ziemlich großen, offenbar selbstgemachten Ziegenkäse. Und wieder einmal bedankte ich mich tausendmal, auch wenn ich eigentlich sprachlos war.

Wir brachen in Richtung Fribourg auf und erreichten die Stadt nach etwa drei Stunden. Sie begrüßte uns im Sonnenschein in ihrer vollen Pracht, die berühmte Kathedrale ragte aus der Altstadt empor und die Straßen waren voll mit Menschen, die den schönen Tag draußen nutzten. Auf einmal war alles auf Französisch, ansonsten merkte man den Übergang gar nicht. Wir kauften noch ein, durchquerten die Stadt jedoch zügig, um in einem kleinen Park in einem Vorort zu Mittag zu essen. Zum dem neu gekauften Brot gab es natürlich den frischen Ziegenkäse vom Morgen.

Blick auf Fribourg

Unser Mittagessen: Joghurt, Brot und natürlich der Ziegenkäse!

Nach der Mittagspause ließen wir Fribourg hinter uns und wanderten munter weiter, wir kamen gut voran an diesem Tag. Nach einiger Zeit fingen wir jedoch an stutzig zu werden: Wir befanden uns auf dem Jakobsweg, das stand außer Frage, die Markierungen wiesen uns eindeutig den Weg. Allerdings stimmten die Namen auf den Wegweisern nicht mehr mit denen in unserem Wanderführer überein. Zunächst dachten wir, dass möglicherweise einfach unterschiedliche Ortschaften erwähnt wurden, aber da wirklich keinerlei Übereinstimmung mehr aufkam, blieben wir schließlich etwas verwirrt stehen und packten den Wanderführer noch einmal aus.

Es stellte sich tatsächlich heraus, dass es in diesem Bereich zwei verschiedene Routen des Jakobswegs gibt, die sich kurz hinter Fribourg trennen und dann kurz vor Moudon wieder aufeinandertreffen. In dem Wanderführer war nur die eine Strecke eingezeichnet, dass es eine alternative Route gibt, wurde nur in einem Nebensatz erwähnt, wie wir dann beim genauen Lesen feststellten. Wir hatten unwissentlich die andere Abzweigung genommen und an sich wäre das ja auch kein Problem gewesen, wir hatten aber unser Zelt nach Romont geschickt- das auf der anderen Route lag. Da wir deswegen unbedingt zu dieser Poststelle mussten und wir schon zu weit gelaufen waren, um umzukehren und den eigentlich geplanten Weg zu nehmen, beschlossen wir zu queren und irgendwie wieder auf den anderen Jakobsweg zu kommen.

Das mit dem queren stellte sich ziemlich bald als ein kleines Problem heraus: Wir hatten kein Kartenmaterial dabei, kannten nur die ganz grobe Richtung und abseits der markierten Wege, die uns bisher klar die Richtung gewiesen haben, war es schwer zu entscheiden, wie wir weiter laufen sollten. Vor allem im Wald, in dem nicht ersichtlich war, wie die Wege weiter verlaufen würden, war die Orientierung teilweise nicht einfach. Darüber hinaus sprachen ja alle auch nur noch französisch, sodass die Kommunikation mit den Spaziergängern auch erschwert wurde. Aber was blieb uns anderes übrig? Wir mussten unbedingt nach Romont, um das Päckchen entgegenzunehmen. Und das am besten noch bis am nächsten Tag, da die Freundin meiner Mitbewohnerin von Romont aus nach Deutschland zurückfahren wollte und ihr Zelt, das auch nur geliehen war, wieder mit zurück nehmen musste. Wir brauchten also unter allen Umständen unser eigentliches Zelt wieder, sonst hätten wir einfach kein Dach mehr über dem Kopf gehabt. Und wenn wir Romont am nächsten Tag nicht erreichen würden, hätten wir zwei Tage festgesessen, da der morgige Tag ein Samstag war und die Poststation sonntags natürlich nicht offen hatte. Es gab also diverse Gründe wegen denen wir uns wirklich bemühen mussten, Romont auf der anderen Route zeitig zu erreichen.

Wir liefen also grob auf Romont zu, alle Menschen die wir fragten, kannten es, doch niemand wusste, wie weit es noch entfernt war. Es blieb uns aber nichts anderes übrig als weiterzulaufen und zu hoffen, irgendwann wieder auf den anderen Weg zu treffen.

Am Eingang der kleinen Ortschaft Neyrez suchten wir uns dann einen Hof zum übernachten. Wir klingelten und erklärten einer Frau und deren Kindern, dass wir eigentlich auf dem Jakobsweg waren, diesen aber verloren hatten. Sie war sehr nett, hatte fast schon ein bisschen Mitleid mit uns und wir durften unser Zelt auf einem Teil der Pferdekoppel aufschlagen. Wir waren ziemlich fertig von dem Tag und schliefen früh an diesem Abend.

Unser Zelt vor einem wunderschönen Abendhimmel

Tag 15: Neyrez – Kurz hinter Romont

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich ziemlich unmotiviert. Der Gedanke, irgendeinen Weg suchen zu müssen und überhaupt nicht einschätzen zu können, ob wir Romont wirklich erreichen würden, frustrierte mich ein wenig. Trotzdem packten wir natürlich alles wieder zusammen und liefen los, so wie wir es jeden Morgen taten. Wir hinterließen der süßen Familie noch einen Zettel an der Tür und weiter gings.

Wir liefen grob weiter und auf dem Weg durch eine nasse Wiese löste sich – wieder einmal – meine Sohle, die ich dann zum Glück aber in der nächsten Ortschaft mit etwas Panzertape noch einmal retten konnte. Insgesamt war meine Laune ziemlich im Keller, die Wegsuche nervte mich und zusätzlich war es ein extrem heißer Tag, sodass das Laufen zusätzlich erschwert wurde.

Um die Mittagszeit erreichte wir eine kleine Ortschaft, in der wir dringend unsere Wasserflaschen auffüllen mussten. Wir fanden jedoch ausnahmsweise keinen Brunnen, sodass wir beim nächstbesten Haus anfragten. Ein älterer Herr stand dort im Hof und schaute etwas grimmig, als wir ihm unsere Situation erklärten, meinte aber, wir sollten kurz warten. Wenige Minuten später erschien eine Frau am offenen Fenster zum Hof, nahm unsere Flaschen entgegen, unterhielt sich mit uns, packte noch zusätzlich Eiswürfel ins Wasser. Und ehe wir uns versahen, waren wir auf eine Kaffee und Saft eingeladen und verbrachten die Mittagspause mit den beiden auf der schattigen Terrasse hinter ihrem Haus. Zusätzlich zu den Getränken bekamen wir noch Kekse und andere Snacks, die uns die Mittagspause zusätzlich versüßten. Nach über zwei Stunden verabschiedeten wir uns dann jedoch wieder von den zwei Lieben, schließlich mussten wir an diesem Tag noch Romont erreichen.

Sie wiesen uns auch den Weg und meinten, es sei nicht mehr so weit. Wir brachen also auf und verließen die Ortschaft, auf der Straße, die sie uns genannt hatten. Gerade als wir an den letzten Häusern vorbeikamen, bevor wieder die Felder und Wiesen anfingen, trafen wir auf zwei Männer, die in ihrer Garageneinfahrt standen und sich unterhielten. Sie sprachen uns neugierig an, fragten, was wir machten und wo wir hinwollten. Als wir ihnen erklärten, dass wir eigentlich auf dem Jakobsweg unterwegs seien, diesen jedoch verloren hatten und bei Romont wieder aufnehmen wollten, lachten sie und der eine meinte ganz spontan, der könne uns auch kurz dorthin fahren.

Keine zwei Minuten später saßen wir eingequetscht in seinem winzigen Auto, das gerade genug Platz für vier Personen und drei Rücksäcke hatte und düsten nach Romont. Er fand es offenbar ziemlich lustig uns mitzunehmen und wir konnten unser Glück kaum fassen, vor allem als wir mit zunehmender Fahrdauer feststellen mussten, dass unsere heutiges Ziel noch ewig entfernt war. Zu Fuß hätten wir diese Strecke niemals mehr an diesem einen Tag geschafft. Nach gefühlt einer halben Ewigkeit erschien der kegelförmige Hügel am Horizont, auf dem die Altstadt Romonts wage zu erkennen war. Er fuhr uns sogar noch bis auf den Berg, bis direkt vor die Postfiliale, drückte uns zum Abschied noch 20 Franken in die Hand, damit wir uns was gönnen konnten und düste wieder ab. So standen wir plötzlich in Romont und konnten es gar nicht richtig fassen, die Wendung in der Geschichte war so unverhofft eingetreten. Nach nicht einmal einer viertel Stunde machte die Post nach ihrer Mittagspause wieder auf, das Päckchen mit dem Zelt war da, wir hatten einfach so ein verdammtes Glück! Mit den zwanzig Franken setzen wir uns in ein Café und gönnten uns jeweils ein Getränk und gemeinsam ein Eis mit heißen Himbeeren. Mehr war für 20 Franken auch nicht drin, für uns war es ziemlicher Luxus.

Ich in der Altstadt Roumonts

Anschließend trennten wir uns von der Freundin meiner Mitbewohnerin und wir zogen wieder zu zweit weiter, um ein weiteres Mal nach einem Hof Ausschau zu halten.

Tag 16: Kurz hinter Romont – Lausanne

In dieser Nacht regnete es stark und wir waren einfach nur froh ein Zeltdach über dem Kopf zu haben. In den Morgenstunden ließ es zum Glück nach und als wir morgens aufstanden, war der Himmel wieder blau. Gerade als wir am Zusammenpacken waren, kam der Besitzer von dem Hof auf uns zu und lud uns zu sich ein. Wir bekamen Tee und Kaffee und unterhielten uns noch sehr nett mit ihm und seinem Sohn, soweit es unsere Französischkenntnisse zuließen. Allerdings blieben wir nicht zu lange, weil wir eine ziemlich weite Tagesetappe vor uns liegen hatten: Wir wollten etwa 30 km bis kurz vor Lausanne laufen, um dann am Folgetag die letzten 15 Kilometer durch das Stadtgebiet ohne Probleme und Zeitdruck durchqueren zu können.

Gut gelaunt und motiviert machten wir uns an diesem Tag auf den Weg, unser nächstes, größeres Ziel war die Kleinstadt Moudon. Da sich unsere Wanderung langsam dem Ende zuneigte, ließen wir die letzten zwei Wochen noch einmal Revue passieren und wurden dabei schon fast ein bisschen skeptisch, weil wir bisher durchgehend großes Glück hatten: Wir hatten nur liebe Menschen getroffen, hatten keine gesundheitlichen oder körperlichen Probleme und hatten wirklich gutes Wetter. Irgendwie wurde ich misstrauisch, weil man nie nur Glück haben konnte. Aus Spaß gingen wir mögliche Szenarien durch: Vielleicht würde eine von uns noch mit dem Knöchel umknicken oder wir würden nachts im Zelt überfallen werden, usw. Doch tatsächlich tritt immer das ein, mit dem man nicht rechnet.

Burg kurz vor Moudon

Malerische Straßenzüge in Moudon

Wir erreichten Moudon relativ schnell, gingen dort noch einmal einkaufen und setzten unseren Weg  nach dem zweiten Frühstück entlang eines Flusslaufes fort. Auf dem Wegabschnitt trafen wir noch auf eine kleine Gruppe anderer Pilger. die seit mehreren Wochen immer samstags und sonntags den Jakobsweg fortsetzten und unter der Woche daheim in Zürich waren. Gemeinsam mit ihnen liefen wir bis nach Vucherens, wo sie eine Unterkunft angemietet hatten und wir ein spätes Mittagessen einlegten.

An diesem Nachmittag fand in dieser kleinen Ortschaft ein Fest für historischen Traktoren statt, zu dem einerseits diverse Traktoren präsentiert wurden und zum anderen jede Menge Stände mit lokalen Produkten aufgebaut waren. Wir schlenderten durch den Markt und hätten auch das eine oder andere gerne mitgenommen oder gegessen, aber letztlich war es nur unnötiger Ballast und zusätzlich ziemlich teuer, sodass wir uns nach einer kurzen Pause entschieden weiter zu laufen.

Als wir das Gelände gerade über einen Feldweg verließen, fuhren zwei der alten Traktoren an uns vorbei und der ältere Herr auf dem einen lachte freudig, als er uns sah und gab uns spontan ein Zeichen aufzuspringen. So ‘trampten’ wir ein kleinen Stückchen auf dem Traktor mit, sowohl der Landwirt als auch wir beide hatten unseren Spaß an der Sache!

Wir hatten definitiv unseren Spaß, als wir auf dem Traktor mitfahren durften.

An der nächsten Kreuzung setzte er uns wieder ab, unsere Wege trennten sich an dieser Stelle. Zum Abschied schenkte er mir noch seinen Hut (s. Foto), gegen die Sonne.

Gut gelaunt liefen wir weiter. Wir durchquerten einen kleinen Waldabschnitt und dann einen Bach. Direkt dahinter fing ein größeres Waldgebiet an, das wir heute noch teilweise durchqueren wollten. Unser heutigen Etappenziel war eine kleine Ortschaft mitten in dem Wald. Hinter dem Bach stand ein einzelnes Haus, auf dessen Terrasse zwei ältere Damen saßen. Wir wollten sie nach Wasser fragen. Sie schauten uns nur komisch an, verstanden als erste Menschen nicht was wir wollten. Es dauerte gefühlt ewig, bis wir ihnen unser Anliegen klar gemacht hatten, aber irgendwie waren die beiden komisch. Während wir darauf warteten, dass die eine Frau mit den aufgefüllten Flaschen zurückkam, hielt ein Auto neben uns. Ein Mann kurbelte das Fenster herunter, erzählte uns etwas völlig zusammenhangloses, lachte und fuhr weiter. Wir beide schauten uns nur irritiert an.

Direkt hinter dem Haus ging der Wald los. Die folgenden Empfindungen kann ich nicht mit rationalen Gründen erklären. Von dem Wald ging ein diffuses Gefühl der Bedrohung aus. Vielleicht lag das daran, dass direkt am Eingang ein Warnschild stand, dass dort häufiger Schießübungen durchgeführt wurden. Doch das war nicht die erste Hinweistafel dieser Art, die wir auf unserer Wanderung passierten. Die Stimmung war einfach merkwürdig. Das hatte bereits nach dem Fluss bei den beiden Frauen angefangen. Der Wald sah objektiv nicht anders aus, als andere Wälder. Er war nicht einmal ein besonders dicht oder dunkel, aber irgendetwas war komisch. Ich hatte ein ganz beklemmendes Gefühl in der Brust, mir kam es vor, als könnte jeden Moment ein Irrer mit einer Axt oder einer Kettensäge hinter einem der Bäume hervorspringen. Wir trafen dort auf keine anderen Menschen, wir redeten nicht, über uns kreiste die ganze Zeit ein Hubschrauber, wie als würde jemand gesucht werden. Ich versuchte mich innerlich zu beruhigen, tief durchzuatmen, es gab objektiv betrachtet keinen Grund zur Angst. Doch das Gefühl wollte nicht verschwinden.

Wir durchquerten ein kleines Tal, auf der anderen Seite wurde eine Lichtung und die ersten Häuser sichtbar. Innerlich fing ich an zu entspannen, wir hatten unser Etappenziel erreicht und der Wald lag hinter uns. Nun mussten wir nur noch einen Hof finden und dann Feierabend. Morgen würden wir dann Lausanne erreichen.

Doch als wir in der Ortschaft ankamen, nahm das Gefühl der Beklemmung nur noch weiter zu. Das Dorf war wie ausgestorben, die wenigen Höfe alle verlassen und heruntergekommen, in einigen Garten lag verlassenes Kinderspielzeug, der Wald rahmte den Ort komplett ein. Es führte eine größere Straße durch durch den Ort, wir liefen bis zum Ende und es gab nicht einen Hof, bei dem wir fragen wollten, ob wir dort übernachten können. Irgendwas war ganz komisch hier. Am Ortsausgang war mir klar: Ich möchte hier nicht übernachten, ich hatte Angst in dieser Gegend, ich würde kein Auge zu tun in dieser Nacht. Das interessante war, dass es nicht nur mir so ging. Wir hatten sowohl im Wald als auch in dem Dorf nicht darüber gesprochen, aber meine Mitbewohnerin meinte, sie hätte im Wald auch Angst gehabt und sie fände das Dorf auch gruselig. Unabhängig voneinander haben wir diese Gegend gleich wahrgenommen. Mir war klar, dass ich in diesem Dorf nicht bleiben wollte, aber weiter zu laufen und damit noch einmal in den Wald zu müssen, war auch unter keinen Umständen eine Option. Der letzte Bus war schon gefahren, es war bereits nach sechs Uhr und wir wären im Wald in die Dämmerung gekommen, was wir uns auch beide nicht vorstellen konnten.

Doch was tun? Irgendwie mussten wir weg. Und beschlossen zu trampen. Das war in dem Moment die einzige Option.

Wir stellten uns an die Straße und schon nach wenigen Minuten hielt eine junge Frau mit ihrem schicken SUV und einer Schwarzwälder Kirschtorte auf dem Beifahrersitz. Die müsse nach Lausanne, meinte sie, und könne uns gerne mitnehmen. Wir waren so verdammt froh, diesen merkwürdigen und unheimlichen Ort hinter uns zu lassen, aber unser französisch war zu schlecht, um die Situation beschreiben zu können. Die Frau war wahnsinnig lieb, meinte bei ihr sei heute Abend ein Geburtstag von einem Freund (deswegen auch die Torte) und weil ihre Wohnung voll sei, könnten wir nicht bei ihr übernachten, sonst hätte sie uns gern aufgenommen. Dafür rief sie auf einem der Campingplätze in Lausanne an und fragte, ob sie noch Platz für uns hätten. Kurz darauf erreichten wir Lausanne und sie fuhr uns noch bis vor den Eingang des Campingplatzes.

Somit erreichten wir noch an diesem Abend den Genfersee, einen Tag früher als geplant und nach wie vor mit dem beklemmenden Gefühl in der Brust. Es war etwas aufgetreten, womit wir nicht gerechnet hatten, aber mit der Freundlichkeit und der Hilfsbereitschaft der Schweizerin sind wir doch noch gut aus der Situation herausgekommen.

Am Abend gingen wir noch im See baden, schlugen unser Zelt auf, kochten uns ein Käsefondue. Und waren überwältigt, dass und wie wir letztlich Lausanne erreicht haben.

Tag 17: Rückreise nach Konstanz

Ich hatte mir für den Abend dieses Tages einen Fernbus zurück nach Konstanz gebucht, meine Mitbewohnerin lief in den nächsten Tagen noch weiter bis nach Frankreich. Wir hatten also tagsüber noch Zeit, uns Lausanne anzuschauen und zu genießen, dass wir tatsächlich den Genfersee erreicht haben.

Blick über Lausanne

Nachmittags verabschiedeten wir uns vor dem Campingplatz voneinander, ihr Weg führte weiter am See entlang, meiner zum Busbahnhof. Mit dem Fernbus fuhr ich zurück nach Konstanz. Es dauerte etwa vier Stunden bis ich wieder am Bodensee ankam. Ein Wimpernschlag, wenn ich mir überlege, dass wir diese Strecke in in 16 Tagen gelaufen sind.


Ein ganz großer Dank geht zum einen an meine Mitbewohnerin, die diese großartige Idee hatte und eine wunderbare Wanderpartnerin ist. Zusätzlich möchte ich allen wunderbaren, hilfsbereiten, gastfreundlichen und lieben Menschen danken, die wir auf unserem Weg kennen gelernt haben, die ihr Essen mit uns geteilt haben, uns auf einen Kaffee eingeladen haben, uns im Auto (oder dem Traktor) mitgenommen haben, uns bei sich haben schlafen lassen und ihre Leben und Geschichten mit uns geteilt haben. 


Du bist auch am Schweizer Jakobsweg interessiert? In den vorhergehenden drei Beiträgen habe ich über unseren Weg von Konstanz bis nach Burgistein berichtet und werde für die nächste Woche noch meine persönlichen Reisetipps mit Packliste, etc. zusammenstellen. 

Von Konstanz bis Lausanne: Der Schweizer Jakobsweg

Der Schweizer Jakobsweg Teil 1: Von Konstanz zum Sihlsee

Der Schweizer Jakobsweg Teil 2: Vom Sihlsee bis nach Lungern

Der Schweizer Jakobsweg Teil 3: Von Lungern bis nach Burgistein



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